Wallfahrtstag im überlieferten Ritus

Am Donnerstag den 1. Mai 2014 (Feiertag), 10.00 Uhr, wird in der Wallfahrts- und Pfarrkirche St. Philipp von Zell, in 67308 Zellertal, Ortsteil Zell, ein feierliches  Hochamt im lateinischen Ritus stattfinden.

Zelebrant und Prediger ist Domkapitular Msgr. Dr. Norbert Weis.

Nachmittags um 14.00 Uhr feierliche Maiandacht mit Te Deum und sakramentalem Segen.

Alle Interresierten sind herzlich eingeladen.

Auf Christus schauen – auf Christus hören

Hirtenbrief zum 2. Fastensonntag 2013

Von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Liebe Schwestern und Brüder!

Bei einem Gesprächsabend mit Studenten wurde ich vor kurzem gefragt, in welcher Bibelszene ich selbst gerne dabei gewesen wäre. Spontan habe ich geantwortet: „Bei der Verklärung Jesu Christi auf dem Berg.“ Erst im Nachdenken über meine eigene Antwort ist mir klar geworden, dass ich hier intuitiv auf die tief empfundene Not des Augenblicks reagiert habe: auf den Wunsch, durch alles, was sich wie ein schwerer Schatten auf die Freude am Glauben und am Leben der Kirche gelegt hat, hindurchzublicken auf den Herrn der Kirche selbst. Auf ihn, der Licht ist auf allen Wegen. Dieser Wunsch drückt die Sehnsucht aus, Jesus wieder klarer erkennen zu können hinter all dem und durch all das hindurch, was in der Kirche und der Welt von heute geschieht. Dann kann die Zuversicht selbst in der Bedrängnis wachsen. Und auch der Mut, Umkehr und Erneuerung zu wagen.

In der Zwischenzeit ist durch die überraschende Rücktrittserklärung unseres Heiligen Vaters, Papst Benedikt, die Situation der Kirche nochmals verändert. Ich habe großen Respekt vor seiner Entscheidung, aus der ein hohes Verantwortungsbewusstsein für die Kirche in der Welt von heute spricht. Papst Benedikt ist ein großer, leidenschaftlicher Gottsucher. „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“ Das Motto seines letzten Deutschlandbesuches steht über seinem ganzen Leben, und es gibt Antwort auf die Herausforderung der säkularisierten Welt. In all seiner geistigen und geistlichen Größe zeigt er nun mit seinem Rücktritt auf beeindruckende Weise: Auch der Papst ist nur ein Mensch. Und es hat mich ergriffen, dass er bei seiner Erklärung in schlichter, demütiger Weise auch um Verzeihung für seine Fehler gebeten hat. Gleichzeitig zeigt sich mit seinem Rücktritt sein unerschütterliches Vertrauen darauf, dass es Gott selber in Jesus Christus und durch den von ihm gesandten Geist ist, der seine Kirche führt, so dass die „Mächte der Unterwelt sie nicht überwältigen“ können (Mt 16,18). Durch die Lücke, die nun mit der Vakanz entsteht, und durch das eindringliche Gebet der ganzen Kirche um den Heiligen Geist, das das kommende Konklave begleitet, wird deutlich: Nicht wir „machen“ Kirche, sondern alles kommt darauf an, dass der Herr selber seine Kirche führt. Wir können nur, wie Papst Benedikt am Anfang seines Pontifikates gesagt hat, „einfache demütige Arbeiter im Weinberg des Herrn“ sein.

Damit rückt nun der tiefe Wunsch nach dem Durchblick auf den Herrn selber wieder in den Mittelpunkt, so wie ihn der heilige Paulus leidenschaftlich formuliert hat: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung.“ (Phil 3,10) Das führt uns zur Szene der Verklärung im heutigen Evangelium zurück.

Diese Szene hat geheimnisvolle Züge. Jesus nimmt drei seiner Jünger beiseite, um sich mit ihnen in die Einsamkeit einer Bergeshöhe zum Gebet zurückzuziehen. Irgendetwas muss Jesus im Inneren aufgewühlt haben. Schon zuvor heißt es im Lukas-Evangelium, dass Jesus aus der Einsamkeit des Gebetes heraus seine Jünger fragte: „Wofür halten mich die Leute?“ (Lk 9,18) Was sagt die öffentliche Meinung? Und er fügt an diese Frage seine erste Leidensankündigung an, die er nur dem inneren Kreis der Jünger anvertraut. Zu allen aber, sagte er: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Lk 9, 23) Er beschwört sie geradezu, sich nicht in die Irre führen zu lassen. „Was nützt es einem Menschen“, ruft er aus, „wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“ Und er fügt hinzu: „Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er in seiner Hoheit kommt…“ (Lk 9,24-26) Das ist die innere und äußere Stimmung, in der Jesus mit dem engsten Kreis seiner Jünger auf den Berg steigt.

Und während des Gebetes geschieht eine geheimnisvolle Wandlung. Das Aussehen seines Gesichtes, ja seiner ganzen Gestalt wird von Licht durchflutet – und er ist auf einmal nicht mehr alleine da. Aus der einsamen Gestalt des Beters wird unter den staunenden Blicken der Jünger eine Gemeinschaft von Zeugen. Da erscheinen Moses, der für das Gesetz im Alten Bund steht, und Elija, der die Reihe der Propheten verkörpert. Der ganze Alte Bund, Gesetz und Propheten, verweist auf diesen Jesus von Nazareth. Und die drei Jünger, Petrus, Johannes und Jakobus, sind als Kern des neuen Volkes Gottes, der Kirche, in dieses Geschehen als Zeugen ganz hinein genommen. Gott selbst beglaubigt seinen Sohn aus der Wolke heraus als sein endgültiges Wort an uns Menschen: „Auf ihn sollt ihr hören.“ (Lk 9,35)

Was würde Jesus sagen, wie würde er handeln? Diese Frage müssen wir uns immer wieder stellen. Im Morgengebet der Kirche beten wir jeden Tag: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes hat uns besucht das aufstrahlende Licht aus de Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes.“ (Lk 1,79) Viele suchen und sehnen sich gerade in unserer Zeit nach diesem barmherzigen Angesicht, das durch die Kirche in die Welt leuchten soll. Und sie stoßen sich zu recht daran, wenn es durch Fehlverhalten verdunkelt wird. So wie Jesus niemanden in Not abgewiesen hat, müssen auch wir uns gerade den Menschen in schwierigen und Not beladenen Lebenssituationen mit Liebe und einfühlender Hilfsbereitschaft zuwenden.

Was würde Jesus sagen, wie würde er handeln? Die Antwort auf diese Frage können wir nur finden, wenn wir auf Jesus schauen, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Jesus ist kein losgelöster religiöser oder sozialer Revolutionär, dessen Gestalt sich je nach Zeitvorstellung formen ließe. Zu Jesus finden wir in der Glaubensgemeinschaft der Kirche durch das Zeugnis der Schrift. Was aber sagt Jesus nach dem Zeugnis der Schrift von sich selbst? „Ich bin nicht … gekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ (Joh 6,38) So hat er uns auch zu beten gelehrt: „Vater, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ (Mt 6,10) Die Jünger müssen lernen, sich nicht einrichten zu können in den eigenen Vorstellungen von der Erlösung Israels, sondern mit Jesus Christus den Willen Gottes mit ganzer Kraft zu suchen und anzunehmen. Die Erfahrung der Verklärung bereitet sie für die entscheidenden Augenblicke vor, in denen sich der Weg und Wille Gottes so anders als ihre Vorstellungen davon erweisen und sie Gefahr laufen, daran irre zu werden. Und wieder sind es dieselben drei Apostel als Urkern der Kirche, die Jesus am Abend vor seinem Leiden mit in die Einsamkeit seines Gebetes nimmt, diesmal auf den Ölberg im Garten Gethsemanie. Für Jesus ist es die entscheidende Stunde, dem Willen Gottes nicht auszuweichen, sondern ihn ganz zu erfüllen: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22,42) Das Licht von Ostern, das alle Dunkelheit zu durchdringen vermag, gründet in dieser Stunde letzter Treue und Hingabe. Die Ostererfahrung der Jünger ist zuinnerst damit verbunden, dass ihnen nun aufgeht, dass der Menschensohn das Leiden auf sich nehmen musste.

Ich weiß, dass es nicht leicht ist, den Willen Gottes zu erkennen, und dass er nicht einfachhin gleich ist mit den manchmal auch sehr zeitbedingten Auffassungen und Gewohnheiten in der Kirche. Deus semper maior – Gott ist immer größer: das ist eine Grunderkenntnis, die uns gerade die Heiligen, die großen Gottsucher und Erneuerer der Kirche lehren. Die Kirche ist kein Über-Ich, das die Suche des Einzelnen, die eigene Gewissensverantwortung und die persönliche Aneignung des im Glauben Erkannten überflüssig machte. Eine gute Dialogkultur in der Kirche lebt aus dem Respekt davor. Aber die Kirche birgt in sich einen unauslotbaren Schatz von Glaubensweisheit unzähliger Glaubenszeugen durch die vielen Jahrhunderte hindurch. Ihr ist die feste Zusicherung gegeben, dass der Heilige Geist sie in der Wahrheit hält. Die Kirche steht, wie das II. Vatikanische Konzil gesagt hat, nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm (vgl. DV 12). Durch das Wirken des Geistes aber wird das Lehramt der Kirche in der Wahrheit gehalten, so dass das Volk Gottes sicher sein kann, „nicht mehr das Wort von Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes“ zu empfangen (LG 12).

„Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68), bekennt Petrus im Johannes-Evangelium. Unter diesem Leitwort laden wir Bischöfe alle Gläubigen zur Mitfeier eines gemeinsamen eucharistischen Kongresses im Juni nach Köln ein. Wir wollen uns um den Herrn der Kirche versammeln. Aus seiner Gegenwart im Sakrament empfangen wir die Kraft, die Kirche zu erneuern und sie zu verlebendigen in der Freude am Glauben und an der Gemeinschaft im Glauben. Der eucharistische Kongress bietet eine große Chance: mit seinen Gottesdiensten, aber auch mit den vielen Möglichkeiten, sich über den Glauben auszutauschen, ihn zu vertiefen und Gemeinschaft in all dem zu erfahren. Das, was uns bewegt und uns Kraft und Zuversicht schenkt, stellen wir sichtbar und erfahrbar in die Mitte: die Freude am Herrn, die unsere Stärke ist. Ich würde mich sehr freuen, wenn möglichst viele aus unseren Gemeinden und Verbänden mit nach Köln kämen. Gerade unsere Zeit braucht ein solches gemeinsames Zeugnis von der Lebendigkeit und Erneuerungskraft der Kirche, ein Zeugnis von jener Strahlkraft, die auch heute von Jesus Christus ausgeht und die alle Dunkelheiten unserer Welt durchdringen kann.

Ich danke allen für Ihr treues Glaubenszeugnis mitten in einer herausfordernden Zeit, das auch mich stärkt und ermutigt. Als Brüder und Schwestern sind wir gemeinsam in diese Stunde der Geschichte unserer Kirche gestellt. Bitten wir den Herrn, dass er uns mit seinem Licht erleuchte und in uns die Zuversicht des Glaubens bewahre. Bitten wir ihn auch um einen guten Nachfolger unseres Papstes Benedikt. So segne Sie alle der barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Quelle: cms.bistum.speyer.de

Heilige Nacht

Heilige Nacht.Es ist die Nacht der großen Verwandlung.

Weihnachten – Ereignis der Verwandlung.Es verwandelt sich die Finsternis in die Nacht.

Finsternis ist ohne Hoffnung, aussichtslos, ziellos, ausweglos. Finsternis ist voller Verzweiflung, eine Wand, nichts, das Nichts, ohne Aussage, ohne Wort. Nacht aber ist der große Schoß, der in sich das Licht enthält. In der Nacht rauschen Geheimnisse auf. Nacht: das ist das, was Aussicht, Weg, Zukunft, Ewigkeit in sich birgt und weiß. Nacht: das ist lichtschwanger, ewigkeitsschwanger; Nacht jenseits des Tages, das Eigentliche bergend, das Wort bergend, das eine, Notwendige, das gesprochen wird, vom Vater gesagt wird. Da der Vater Sich ausspricht – und was Er ausspricht, ist Er selber, das Wort, das Er zeugt und das in die Welt hineinkommt, vom Vater gesprochen, und aufleuchtet als Kind.

Das nächtige Schweigen, Mariens Schoß, bringt hervor das Licht. Und siehe da: Das ewige Licht, der allmächtige Schöpfer aller Dinge, Gott, ist ein Kind, ein kleines, wimmerndes, staunendes Kind. Ein Kind, das mit weitgeöffneten Armen das ewige Licht weiß, in das es von Ewigkeit schaut, in den ursprungslosen Ursprung, in den Vater. Es ist das staunende Kind, Eigentümer des Staunens, dessen, was den Menschen zum Menschen macht, weil es den Menschen vergöttlicht und zu ungeahnten Höhen hebt. Denn der staunend Ehrfürchtige, der vom Licht Ergriffenen und vom Licht Befallene wird eben dadurch zum Licht emporgehoben, denn das lichtschauende Auge ist selber lichthaft. Und der Wahrnehmende wird auf die Höhe dessen gehoben, was er wahrnimmt. Und der Erkennende ist auf der Höhe dessen, was er erkennt. Und dieses Menschenkind, das Gott ist, ist zum Vater erhoben, weil es den Vater schaut in Seinem menschlichen Geiste.

Denn es sind zwei Ebenen des Bewußtseins in diesem kindgewordenen Gott. Als Mensch entwickelt sich Sein Geist wie bei jedem anderen Menschen auch. Er nimmt zu an Alter, Weisheit und Gnade im Auge Gottes und im Auge der Menschen. Er lernt, Er empfängt, Er gewinnt, er wächst. Zugleich aber ist in Seinem Geiste schon die Vollendung. Im Mutterschoße und in der Krippe liegend, schaut dieses Kind, wie eben gesagt, voll Ehrfurcht und Wonne den Vater und zugleich ein anderes Staunen – nicht nur das staunende Schauen ins Licht, sondern das staunende Schauen in die Finsternis. Gott macht Sich die Finsternis zu eigen. Gott kommt in eine unbehagliche Welt, ins unbehagliche Dunkel, in die Gottesferne, ins Nichts, in die Ausweglosigkeit und Aussichtslosigkeit, in die Verzweiflung, in die Erniedrigung, in die Schmach.

Alles, was den Menschen kennzeichnet nach seiner schrecklichen Fehlentscheidung, nach seiner Verweigerung, all dies nimmt Gott an. Dieses Kind, in der Krippe tritt es an den langen Marsch durch die Finsternis. Und Es sieht diesen langen Marsch durch alle Stationen irdischer Finsternis und irdischen Elendes voraus. Da Gott die Finsternis, die Verzweiflung, die Schande, die Erniedrigung Sich zu eigen macht, wird die Finsternis göttlich. Die Gottesferne, das Nichts, das Erleiden des Nichts wird göttlich für den, der „JA“ sagt, also guten Willens ist. Es wird alles verwandelt, es wird alles anders. Die Finsternis wird Nacht. Die Aussichtslosigkeit wird voll Verheißung und Hoffnung. Und was im Zeichen der Trennung von Gott stand, die Erfahrung der Gottesferne, die Trostlosigkeit, die Einsamkeit, das Verlachtwerden, Verhöhntwerden, Verkanntwerden, Verleumdetwerden. Alles, was der Mensch durch die Jahrtausende seiner entsetzlichen Irrfahrt hindurch erleiden mußte, jedes Einzelnen Elend: das alles nimmt Gott an und es wird darum verwandelt.

Es war ein Zeichen der Gottesverbannung, es war ein Zeichen des Ausgestoßenseins, es war ein Zeichen der Strafe. Die Strafe besteht darin, daß Gott den freien Entschluß des Menschen annimmt und ernst nimmt – das ist seine Strafe –, daß Gott den Menschen seinem selbstgewählten Geschick überläßt – „Sieh du zu!“. Das alles, was im Zeichen dieser Entfernung von Gott, dieses Draußenseins, dieses Nichts gestanden hat, eben Leiden und Krankheit und Not und Hunger und Qual, das Erleidenmüssen unsäglicher Einsamkeit im Verlust nahestehender Menschen, harte Arbeit, gepeitscht, getreten werden, das Schicksal der Sklaven, das alles wird für den, der nun „JA“ sagt zu dem ganz nahegewordenen Gott, zum Zeichen des Drinnenseins, zum Zeichen des Angenommenseins.

Leiden heißt jetzt nicht mehr „Gott straft mich“, sondern: „Ich bin drinnen! Ich habe göttliche Macht und Chance, göttliche Macht auszustrahlen.“ Das Leiden hört nicht auf Leiden zu sein, aber da Gott das Leiden Sich zu eigen macht und vergöttlicht, leiden wir nicht mehr unter unserm Leiden und sehen darin nichts Negatives mehr, sondern Erhöhung, Bestätigung.

Der Mensch wird durch sein Leiden, das ihn mit Gott eins macht, gültig, mächtig, gewichtig, geheimer Herrscher. Die Präsidenten, die Ministerpräsidenten und Kanzler, die Könige und Diktatoren scheinen den Ausschlag zu geben und zu herrschen. Aber im Grund herrscht der einsame, unbeachtete, leidende Mensch in seiner scheinbaren Aussichtslosigkeit, scheinbar vergessen, mit Undank bedacht, bedroht, betrogen, umgeben von allen Gemeinheiten, die Menschen sich ausdenken können. Mitten in all diesen fürchterlichen Schrecken und Grausen ist der geplagte Mensch, der „JA“ sagt zu diesem kindgewordenen Gott, Herrscher der Welt. Von ihm gehen die Kraftströme aus, die den Ausschlag geben. Dort, wo die einsamen ihr Leid mit dem gekreuzigten Gott vereinen, dort sind die Throne aufgerichtet, von denen aus die zwölf Stämme Israels gerichtet werden, von denen aus die große Überschau erfolgt, von denen aus die Welt gelenkt und gerettet wird.

Jegliches Leiden ist eine Erhebung, eine Thronerhebung, eine Bestätigung. Wer über seinem Leiden verzweifelt, hat nichts begriffen. Für den, der noch draußen steht, der dem Islam anhängt oder dem alten Judentum, das von Christus nichts weiß, für den ist das Leiden ein Zeichen, daß Gott ihm eine Absage erteilt, daß Gott ihn ins Außen stellt, in die Ecke, daß Gott ihn straft. Für den, der draußen steht, ist alles irdische Glück eine Wohltat seitens Gottes und alles irdische Leid etwas von Gott unverständlicherweise Zugefügtes. Wir aber sind nicht im Islam. Wir sind nicht im alten Judentum. Wir sind auf der Ebene der Erlösung. Für uns ist das Leiden ein Zeichen: Du bist drinnen. Du hast Anteil am Göttlichen, höchsten Anteil. – Freue dich und frohlocke, wenn dich die Menschen verleumden und schmähen und betrügen, wenn dich die Menschen verachten, wenn sie dir alles Fälschliche nachsagen, wenn du einsam bist, wenn du unverstanden, verkannt, falsch eingeschätzt wirst, wenn du leidest, wenn du geschlagen bist mit Krankheiten! Erhebe deine Augen, die Augen des Geistes! Erhebe dein Haupt und wisse: „Dies alles habe Ich, dein Gott, erlitten, mehr, als du je es erleiden könntest. Ich habe den Gang angetreten durch die Jahrtausende des Menschengeschlechtes und jedes einzelnen Menschen Leid mit wachen Sinnen durchlitten, jeden kleinsten Bruchteil einer Sekunde.“ Dein Leiden ist ein Samenkorn. Von außen ist das Samenkorn unansehnlich, häßlich, unbedeutend. Wie ein Nichts, wie etwas zum Wegwerfen sieht es aus. Es hat keine Gestalt und keine Schönheit, das Samenkorn. Aber drinnen – geheimnisvoll, verheißungsvoll – ist die Herrlichkeit der Rose und der Blüte und der Frucht. Wenn das Samenkorn in die Erde fällt und stirbt, dann kommt es zu sich.

Also: Sage „JA“! Mehr brauchst du nicht. Auch wenn du ungerecht und erst recht auch wenn du gerechterweise bestraft wirst, ins Gefängnis kommst, in harte Fron kommst, wenn du gerechterweise leidest, wenn verständlicherweise die Menschen dich deines Tuns wegen verachten, auch diese Leiden sind von Gott gesegnet. Und jenes Leiden, das die Sünde mit sich bringt, die Sünde, die mir – meine Sünde – täglich, abendlich vor Augen steht, die ganze Brüchigkeit meines Daseins, das ich daherstottere, die Fragwürdigkeit meiner Beweggründe, die Armseligkeit meines Tuns und Gebarens, meiner Gedanken und Worte: all dies zu erleiden ist Gott gekommen. Er erleidet die Sünde des Menschen. Und sofern du unter deiner Unvollkommenheit, deinem ständigen Fallen, deiner Rückfälligkeit leidest, insofern deine Sünde Kreuz ist, ist auch deine Sünde gesegnet. Und alles, was dir zugefügt werden könnte, alles wird dir zum besten gereichen – auch die Sünde –, da Gott für dich, für mich zur Sünde geworden ist. Er hat den Zustand der Sünde angenommen, ist uns in allem gleich geworden. Nur hat Er persönlich keine Sünde begangen – aber den Zustand der Sünde erlitten, so daß auch die Sünde für dich zum Segen wird. Alles, alles wird zum Segen.

Das Kind ist da und schaut in die grausige Zukunft Seines Erdendaseins. Jahrtausende sind in diese wenigen Jahrzehnte hineingenommen, Jahrtausende dieses grauenvollen Erdendaseins. Blut und Tränen und Schläge und Striemen und vor allem die Not der Seelen, die Verzweiflung der Selbstmörder: all dies zu durchschreiten, Sich mit allem zutiefst vertraut zu machen, begibt Sich Gott von der Krippe aus auf den Weg.

Und schon liegt wie ein gewaltiger Schatten die Endstation des Weges über der Krippe – das Kreuz. „Dieser ist gekommen zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel und zum Zeichen, dem man widersprechen wird. Und auch deine Seele“, sagt Simeon zu dem spiegelnden Bronnen, zu dem reinsten Spiegel, zu Maria, „wird ein Schwert durchbohren, auf daß die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“

Nun bist du unabhängig geworden. Dein Glück ist völlig unabhängig vom Schicksal. Leiden ist dein Glück, ist deine Macht und Kraft und Herrlichkeit. Wir kennen ja jenen Katalog aus dem Korintherbrief des hl. Paulus, wo er sich seiner Leiden und Schwachheiten rühmt, er, der geschlagene Apostel, der unter den fürchterlichsten Tritten und Anfechtungen und Gewalttaten Satans aufschreit zum Herrn: „Komm und nimm dies wenigstens von mir!“ – „Nein!“, hört er die Stimme. „Meine Gnade genügt dir. Denn die Kraft und die Herrlichkeit Gottes kommt in der Schwachheit“, in der Armseligkeit, im Leiden, in der Not „zur Vollendung.“

Das ist die Verwandlung dieser heiligen Nacht. Der allmächtige Gott wird Kind. Die Ohnmacht verwandelt sich in Allmacht, die Finsternis in heilige Lichtnacht, das Leiden in Macht und Herrlichkeit. Wenn es heißt „Groß ist euer Lohn im Himmel“, dann ist das jetzt schon erfüllt; denn der Himmel ist ja in dir. Du wirst des Himmels gewahr werden, wenn dieser Leib von dir abfällt. Aber auch dieser Leib, gerade dieser Leib, dieser geschlagene, behaftete, gequälte, gemarterte Leib, dieses Gehirn, eben die Ursache für alles seelische und geistige und körperliche Leiden, dieses Instrument göttlicher Machtausübung, da das Wort Fleisch geworden ist: wenn dieses Fleisch von dir abfällt, dann wirst du merken, wie nun alles Leiden in Herrlichkeit aufgegangen ist und was schon eh und je in dir war, nur verborgen.

Denn der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für. In dir ist der dreifaltige Gott. In dir ist unaussprechliche Wonne. In dir sind die drei göttlichen Personen – Vater, Sohn, Heiliger Geist. Sie besprechen Sich. Sie sind in ekstatischer Liebe entbrannt. Sie sind außer Sich und wohnen deshalb ineinander. Das alles ist in dir, in deinem Leibe und in deinem Geiste. Und der Sohn spricht zu Seinem Vater von Seinen entsetzlichen Erfahrungen durch die Jahrtausende Seines Erdenleides hindurch. Er erleidet Jahrtausende, weil jeder kleinste Bruchteil jeder Sekunde mit äußersten Nervenenden, hellwach von Ihm durchlitten wird. Er leidet viel intensiver, als je ein Mensch leiden könnte. Er ist darum der tief Vertraute deiner Leiden. Und wenn du Ihm deine Leiden klagst, dann hörst du: „Ich weiß doch alles. Ich weiß es doch. Sei getrost, Ich bin es. Fürchte dich nicht. Sei Herr deiner Leiden! Nimm sie in die Hand wie ein Zepter und beherrsche in Mir und durch Mich die Welt!“ Und darüber spricht der Sohn zum Vater und der Vater zum Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes. Und in der Liebe des Heiligen Geistes tauschen Sie Ihre Erfahrungen aus. Und in der Mitte Ihrer liebenden Gespräche bist du. Denn du bist Gottes Leidenschaft. Dein Leiden ist Gottes Leidenschaft. Dein Weg ist Gottes Leidenschaft. Alles wird gut. Du bist also völlig unabhängig.

Dein Glück, sage ich, ist unabhängig vom Schicksal, auch unabhängig von allen Gegebenheiten, von allen äußeren Möglichkeiten und Zufälligkeiten. Denn es hängt ja von äußeren Umständen ab, ob du in der Lage bist, das heilige Opfer zu besuchen, dabei zu sein, wenn der Gottmensch Sich opfert. Es hängt ja von Umständen ab, über die du keine Gewalt hast, ob du teilnehmen kannst an der heiligen Messe, ob du das Bußsakrament empfangen und die Worte der Lossprechung hören kannst. Und wenn die Möglichkeit da ist, wird alles in dir danach brennen, die Sichtbarkeit Gottes zu erfahren, Seine Worte zu hören und im Fleische zu schauen das Heil, das in den heiligen Mysterien sich ereignet. Aber wenn dir diese Gelegenheit nicht gegeben ist, wenn du kein einziges Sakrament empfangen kannst, ist dann deine Erlösung dadurch zuschanden geworden? – Keineswegs!

Mir fällt ein junger Mann ein, der immer in Depressionen sich bewegte, weil er die heißersehnte Priesterweihe nicht empfangen konnte. Er geriet darüber in Traurigkeit und Depressionen. Und ich sagte ihm: „Vergiß nicht, daß Du erlöst bist. Mag kommen, was wolle. Du bist erlöst. Du bist in Ihm. Vergißt Du die Einwohnung des Hl. Geistes? Vergißt Du, daß Du drinnen bist im dreifaltigen Gott und Er in dir? Vergißt Du, daß eben dieses Dein Leiden und Schmachten und Verlangen Freude ist? Warum leidest Du unter Deinem Leiden? Warum freust Du dich nicht Deiner Leiden? Warum rühmst Du dich nicht Deiner Leiden? Denn du bist erlöst!“ – Das ist das Geschenk dieser Nacht. Der Unendliche wird klein, der Allmächtige ein wimmerndes Kind, abhängig von den Menschen, ein wissendes, ein allwissendes Kind, ein Kind mit allem Liebreiz, ein staunendes Kind. Es staunt hinein ins Licht und hinein in die Finsternis. Staunend tritt es Seinen Weg an. Und Er wird von den äußersten Enden aller Möglichkeiten menschlicher Verworfenheit, Verlorenheit und Not Seinen Weg antreten und dabei alle lieben, jeden lieben und Sich unter Verbrecher begeben und Freundschaft schließen mit dem verachtetsten und verkommensten Menschen: „Ich bin schon da. Ich bin bei dir.“

Er wird Seiner Liebe wegen den Haß der Welt auf Sich ziehen. Er wird denen, die sich ihrer Taten rühmen, die Maske vom Gesicht reißen. Er wird die beschämen und entlarven, die da meinen im Besitz der Gerechtigkeit zu sein und sicher der göttlichen Zusage und Belohnung. Er wird sie zurückweisen und ihnen deutlich machen, daß sie angewiesen sind auf das selbe Ausmaß des Erbarmens, dessen auch der letzte Verbrecher bedarf. Und das wird Ihm die Welt und das werden Ihm die „Gerechten“, die „neunundneunzig Gerechten“ nicht verzeihen, daß Er Sich mit den letzten Verbrechern in tiefster brüderlicher Liebe vereint: „Ich bin dein. Sei getrost, Ich bin““s. Fürchte dich nicht!“ Unabhängig bist du. Immer ist das Erbarmen in dir wirksam. Immer ist in dir der Hl. Geist, der die Vergebung der Sünden selber ist. Immer wird dein Ruf nach Erbarmen erfüllt. Dein „Ich will!“ ist die absolute Garantie der Erfüllung. Dein „JA“-Wort ist alles. Mehr bedarf““s nicht, keiner Vorleistung. Er ist da. Sag Ihm, „Ich bin auch da“. Das ist die heilige Nacht. Sie nimmt nicht das Leiden von dir. Manchmal hört man: „Mir ist Weihnachten verdorben. Ich habe keine Freude an Weihnachten.“ Als müsse Weihnachten auf einmal die Welt poliert sein und harmonisch und wohlgestaltet, als müsse auf einmal alles Leiden verschwinden, als müsse Weihnachten so wie eine einsame Oase in der Wüste dieser Erdenfinsternis aufleuchten. Das ist eine Illusion! Das ist nicht der Sinn von Weihnachten, sondern Weihnachten birgt mit allen Finsternissen und mit allen Leiden, die es nicht nimmt, sondern vergöttlicht, die es nicht auslöscht, sondern bestätigt, Weihnachten bedeutet Heil für dein Leiden!

Weihnachten nimmt dein Leiden nicht von dir weg, aber Weihnachten krönt dein Leiden und gibt deinem Leiden das Zepter der Herrlichkeit.

Das ist das Wort, das aus der Krippe dir entgegenleuchtet, aus der Verlorenheit, aus der Verlassenheit, unerkannt von den Mächtigen der Zeit, in einer Randprovinz.

Jeder Prokurator, der dorthin versetzt ist, empfindet es geradezu als eine Strafversetzung. Wie eine Verbannung nach Sibirien mußte ein Pontius Pilatus seine Stelle als Landpfleger empfinden in diesem verlassenen, verachteten Landstrich und dort noch in diesem unbekannten Nest; und da noch draußen und da noch in jener Höhle, in jenem Stall, unbekannt, unbeachtet von der Welt, von da aus geht die Herrschaft, Seine Herrschaft. Warum Seine Herrschaft? – Deiner Herrschaft wegen. Sagst du „JA“? Du brauchst nur „JA“ zu sagen – allerdings ein nachdrückliches, ein leidenschaftliches, ein bedingungsloses, ein ungekürztes „JA“-Wort, ein „JA“-Wort, das sich selber nicht beschneidet mit der törichten Ausrede, kein Fanatiker sein zu wollen, ein „JA“-Wort, in das du dein ganzes Dasein hineinlegst, bedingungslos, mit einer flammenden Unbedingtheit, diese „JA“-Wort, das dich mit Haut und Haaren festlegt, das deine Freiheit in die unwiderrufliche Notwendigkeit hineinzieht. Dieses „JA“-Wort, das dich zum Herrn macht der Welt, dieses „JA“-Wort läßt dich mit diesem verachteten, armen, unbeachteten Kinde, von dem nur die einfachsten Menschen, arme, unbeachtete Hirten, erfahren, solidarisch, identisch werden. In Ihm, durch Ihn und mit Ihm wirst du herrschen, herrschst du jetzt schon. Jetzt, in dieser Sekunde, ereignet es sich für dich, daß du kraft deiner Leiden zur Herrscherin und zum Herrscher wirst.

Das ist die Botschaft, die heilige, beseligende Botschaft dieser Nacht. Darum will der Herr in dieser Nacht frohe Gesichter sehen, die froh sind, weil sie leiden, und nicht wie die, die draußen stehen, die Heiden, die vom Wahn und der Finsternis des Islam Umfangenen, traurig sind, weil sie leiden.

Beim Christen hat sich alles ins Umgekehrte verwandelt. Und dies habt zum Zeichen: das Kind in der Krippe.

Pfarrer Hans Milch 1984

Zum Advent

Einige Gedanken kurz vor dem Fest der Erlösung. Das Wort das Herrn erging an Johannes in der Wüste. Wüste heißt Offenheit, für Gott offen sein, für Ihn sich leer machen, ohne Ablenkung, ohne Vielerlei, ohne Wechsel der Erscheinung. „In die Wüste gehen“ heißt zu sich selbst gehen – der tiefste Sinn dessen, was das Wort „Wüstenväter“ beinhaltet.

Nach den großen, ekstatischen Martyrien, da die großen Bekenner sich hingaben dem Rachen der Löwen und den malmenden Zähnen der Bestien, dem Schwerte und dem Kreuz, schon hinübergehoben über alle Grenzen, als die Zeit der Verfolgung vorbei war, da brannte in den Herzen der Ergriffensten das Verlangen nach dem anderen Martyrium, jenseits der Erscheinungen zu leben, jenseits jeglicher Zerstreuung, jenseits des Irdischen schon den heißersehnten Liebestod vor dem körperlichen Hinscheiden zu erfahren. Darum gingen sie in die Wüste, um den Tod vorwegzunehmen, um schon jenseits des Jordan zu wohnen, wo Johannes taufte. So heißt es ja an anderer Stelle: „Dies aber geschah zu Bethanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte“ – jenseits des Jordan: Eben drüben, am anderen Ufer in der Wüste, jenseits des Getriebes, jenseits von Gesellschaft und Geselligkeit, jenseits der vielen Worte, jenseits des Vielerlei, ins eine hineingehen, was not tut.

Denn „Buße“ heißt ja „Einerlei“. Da ist nur das eine und immer gleiche zu sehen: der gewölkte, flammende Himmel der Nacht, der ja in der thebaischen Wüste ganz besonders niedrig hängt – auch in der Wüste, in die der hl. Johannes der Täufer hineinging – und tagsüber der freie Himmel, unter dessen Dach ungeschützt, barhäuptig der einzelne sich dem Anspruch Gottes preisgab. Rechts und links war nichts zu finden. Weite Horizonte, aber sprachloser Sand, Armut des Geistes: das ist in der Wüste garantiert und mit der Wüste gemeint und gesichert. Die Wüste ist gleichsam ein wirksames Sinnbild, ein sakramentales Zeichen für die Armut des Geistes. Weit ausgespannt, Sand, gleiche Farbe.

Und da ergeht das Wort des Herrn an dich, in deiner Einsamkeit. Einsamkeit und Wüste ist dasselbe. Wenn du das Wort des Herrn an dich vernehmen willst, also dein Wort hören willst, dein Dasein – Dein Sein ist ja das Wort des Herrn. Du bist ja identisch mit Ihm, also Sein Wort. Im tiefsten ist mit dem Gleichnis vom Samen, der in die Erde fällt und stirbt, um Frucht zu bringen, gemeint der Mensch. Jeder Mensch ist Wort, ist Gedanke Gottes. Und dieses Wort fällt in die Erde. Aber die Erde ist Gott, die gepflügte Erde Christus, der Zermalmte, Geschlagene, Zerschundene und Zerfurchte, der Sich öffnet, weit auftut als blutende Wunde, damit der Mensch, der Same, das Gotteswort hineinfallen kann, um Frucht zu bringen für und für. Der Mensch ist Wort Gottes. Aber das, was er selber ist, vernimmt er, wenn er sich fallenläßt in die gute Erde, in Christus.

Und dieses Sich-Fallenlassen in die gute Erde geschieht eben in der Einsamkeit. Ob es eine Zelle ist zwischen vier kahlen Wänden, oder wo es auch sein mag: dort erfährst du dich als Sein Wort und weißt: „Ich bin Wort des Herrn und habe eine Sendung.“ Aber das, was ich bin, muß ich hören von dem, der in meine Stille hineinspricht. Denn ich bin nicht allein – im üblichen Sinne des Wortes – Er ist immer dabei. Je einsamer ich bin, um so weniger bin ich es im Grunde; denn da ist der Andere am Zug, der Eine und Einzige, der meine Einsamkeit durchbricht, der mich wahrhaft Verstehende, der durch alle Krusten und Schalen, Verstellungen und Verfälschungen Hindurchschauende, Hindurchschreitende, Hindurchbrechende, der in meine Innenmitte hineinstößt, um sie herauszuwecken aus den Verwicklungen der Zufälle. Damit ich ganz zu mir selbst komme, muß Er kommen; denn Er ist mein wahres ICH. Und dort, wo ich ganz ICH bin, dort mündet mein Dasein ins ewige Sein, in den Gedanken, den Gott von mir denkt, dort wo Gott mich ausspricht und meine Bestimmung sagt.

Das ist heute so selten geworden, so unsagbar selten, so bedrohlich, so schicksalhaft selten. Diese Seltenheit hängt über uns wie ein Damoklesschwert, zum Mord bereit und zur Zerstörung. Denn diese Seltenheit ist Satans Waffe Ganz sehen geschieht es, daß einer zu sich selber kommt, damit das Wort des Herrn an ihn ergeht in der Wüste.

Wüste kann auch anders verstanden werden, in einem ganz negativen Sinne: im Sinne von Zerstörung, im Sinne von Einebnung und Gleichmacherei. Wüste im negativen Sinne des Wortes, im Sinne von Verwüstung ist dort gegeben, wo der einzelne nicht mehr er selber ist, sondern ein X oder ein Y, selber ein Zufall, irgendeiner unter anderen, neben anderen, mit anderen, wie andere behandelt wird, alle sind gleich. Dort ist Wüste im Sinne von Verwüstung. Die freilich wuchert. Die breitet sich aus. „Die Wüste wächst“, sagt Nietzsche. „Wehe dem, der Wüsten birgt.“ Das ist die böse Wüste. „Wehe dem, der Wüsten birgt“ – der in sich selber die Verwüstung und die Einebnung, die Planierung duldet und als angenehm empfindet, irgendeiner unter anderen zu sein, mit anderen. „Ich will kein Besonderer, kein Einmaliger sein, sondern ich will einer neben anderen sein“, wie es in dem Nazilied heißt: „Einer steht dem anderen bei – neben.“ – Das ist sehr anspruchslos.

Die Anspruchslosigkeit ans eigene Dasein, die Anspruchslosigkeit an die eigene Unverwechselbarkeit, die Anspruchslosigkeit, was die Bedeutung, Wert und Sinn des eigenen Lebens angeht, die breitet sich aus. Es herrscht ein dumpfer, tierischer Anspruch an das, was diese Welt an Genüssen bietet. So sackt der Mensch ab ins Zufällige, ins Vielerlei. Da ist sehr viel Abwechslung. Da ist geradezu eine Abwechslungssucht. Sie findet ihren extremen symbolischen Ausdruck in dem flimmernden, wechselnden Licht – beispielsweise in Diskotheken. Selbst wenn das Licht das gleiche bleibt, kann es schon weithin nicht mehr ertragen werden. Ununterbrochen muß Wechsel geschehen. Aber dieser Wechsel, dieses Varieté, diese Summe von sich ablösenden Zufällen bestätigt nicht etwa die Besonderheit, sondern wirkt das Einerlei.

Genauso wie die zufälligen Erscheinungen immer beschleunigter hervortreten, wie sie in geometrischer Reihe sich türmen und aufstülpen und aufdrängen, Zufall um Zufall. Und jeder einzelne Zufall gleicht dem anderen, wie ein Ei dem anderen gleicht. Nur das ganz Äußerliche, Nichtssagende steht im Zeichen des Wechsels. Je mehr die Bilder einander ablösen und auf ihn einstürmen, um so entleerter wird der einzelne, um so mehr wird er zum Serienfabrikat, zum Verbraucher. Aber der Mensch, der ein Verbraucher ist, angelockt von äußeren Angeboten, voller Anspruch an äußere Angebote, der Verbrauchermensch wird selbst zur Verbrauchermarke, zur Ware. Er wird selber verbraucht. Der Verbrauchende läßt sich verbrauchen. Das ist das Kennzeichen des heutigen Menschen dieser Gesellschaft mitten im Schwall von Krebswucherungen. Und diese Gesellschaft ist selber eine einzige Krebswucherung.

Und wer aus diesem Vielerlei, aus diesem sinnlos girrenden und flirrenden, süchtigmachenden Anspruch, faden, dumpfen Anspruch weckenden Vielerlei der Sucht herausstrebt und in die gute Wüste geht, in seine Wüste, in seine Einsamkeit, der Ablenkung entronnen, der wird wesentlich und vernimmt das Wort des Herrn in der Wüste.

Und dann kommt das Wort von der „Bußtaufe, zur Vergebung der Sünden“. Taufe, die der hl. Johannes der Täufer vollzieht, ist nichts anderes als das Zeichen, daß der Mensch einsieht: „Ich bedarf des Herrn zur Vergebung meiner Sünden.“ Bußtaufe zur Vergebung der Sünden, wie Johannes sie vornimmt, heißt nicht etwa: „Jetzt fang an, und hör auf mit deinen Sünden! Jetzt recke dich auf, und setze dich in Marsch hin zum Herrn!“, sondern genau das Gegenteil: „Sieh ein, daß du nichts vermagst. Tue Buße, kehre um, und laß Ihn kommen! Bereite nicht deinen Weg, sondern Seinen Weg.“

Einzusehen, daß es Sein Weg ist, daß Er kommen muß: das ist die Umkehr, die der hl. Johannes verlangt. „Kehre um vom Wahn, du könntest vor Gott bestehen! Wende dich ab von der Illusion, es läge an deinen Werken, zurechtzukommen und zu bestehen im Gericht! Sieh endlich ein, daß du nichts vermagst, daß du ein Nichts bist! Öffne dich! Gewinne die Armut des Geistes und sag das bräutliche Wort, das erlösende Wort: „Komm! Herr, komm!“, eben das adventliche Wort. Bekehre dich zu deinem Advent!“ Und dein Advent heißt Erwartung. Und der Ankommende ist Er – nicht wie es heute heißt: Das pilgernde Gottesvolk hin zur Wahrheit. Das ist das Antichristliche. Das Christliche heißt: Ihn erwarten. Er muß kommen.

Das heißt „Seinen Weg bereiten“. Und auch dies geschieht eben, wenn der einzelne den Zufällen entflieht und hineingeht in jene Freiheit, die Gott Raum läßt, damit Er zu Wort kommt: „Herr, sprich Dein Wort! Ich will Dich zu Wort kommen und ich will Dich kommen lassen. Sei Du es! Mach Du es! Übernimm Du mich! Gewinn Du Herrschaft über mein ganzes Dasein! Erobere mich! Brich ein! Reiß mich an Dich und in Dich hinein! Sei Du der, der nach mir greift! Hier bin ich. Ich bin bereit. Herr, komm! Du mußt kommen, wenn anders ich nicht zugrunde gehen soll. Komm aus Deiner Freiheit!“ Und Er kommt, nicht weil wir rufen und schreien „Komm!“, sondern weil Er kommen will. Aber wer den Ruf „Komm, Herr!“ aus seinem Innersten herausgestoßen hat, der wird Ihn empfangen. Gott kommt nicht, weil Er weiß, daß Er empfangen wird. Er kommt, weil Er kommen will. Aber Er wird von dem empfangen, der will, daß Er kommt.

Und dieses adventliche „Komm!“, eben jene Bußtat, jene Umwendung: „Halt ein! Hör endlich auf zu gehen!“, wenn du dich in Marsch setzt von Ihm weg, „Bleib stehen, um Seine Nähe zu erfahren! Herr, komm!“, und diese Bußtat des Restes im Menschen, der da schreit „Komm!“, diese Geistestat des „Komm, o Herr!“ vollendet sich in Maria.

„Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach Deinem Wort!“ Das ist der adventliche Aufruf, der an jeden Einzelnen ergeht: „Bekehre dich endlich zu dir selber, denn der Herr will zu dir selber kommen!“ Laß Ihn kommen. Und wenn du Ihn kommen läßt, findest du dich in Ihm und in Seinem Wort den Sinn deines Daseins und deines Seins. Und du selbst wirst dann ein Wort, das wiegt, hineingesprochen in die Verwüstung unserer Tage, in die Vielfalt der Wörter. In die Milliarden Überflüssigkeiten hinein kommt plötzlich ein Gewicht. Wenn auch nur einer sich erhebt und dann mit dem Gewicht Gottes auftritt und aufsteht, vielleicht im Verborgenen, dann werden Katastrophen abgewendet; und ganze Völker werden gerettet, wenn irgendwo einzelne Gewicht gewinnen. Wie wär“s, wenn du zu den ganz wenigen Einzelnen dich zählen könntest, auf die Gott zählen kann, weil Er bei ihnen zu landen vermag.

Pfarrer Hans Milch

St. Nikolaus

Wer ist der heilige Nikolaus?

Der heilige Nikolaus hat im 4. Jahrhundert gelebt und war Bischof von Myra. Er ist Patron der Kinder und wird als Mann verehrt, der Jesus sehr geliebt und den Armen viel Gutes getan hat. Aus diesem Grund passt das Fest des heiligen Nikolaus, das am 6. Dezember gefeiert wird, auch so gut in den Advent.

Die Botschaft von Sankt Nikolaus ist klar: „Habt Jesus lieb und tut Gutes!“

Noch etwas in eigener Sache

„Ich habe da noch einen ziemlich albernen Konkurrenten. Gewöhnlich erkennt man ihn an seiner roten Zipfelmütze und einem langen weißen Bart. Obwohl er mit Weihnachten eigentlich nicht viel zu tun hat, nennt man ihn doch den ‚Weihnachtsmann‘. Hätte ihn nicht im Jahr 1931 die Coca-Cola Company für ihre Werbung entdeckt, würde ihn heute wahrscheinlich kaum jemand kennen. Je mehr aber das Wissen um den christlichen Sinn des Advents und des  Weihnachtsfestes verdunstet und je weniger man mich, den heiligen Nikolaus, kennt, desto mehr feiert der Weihnachtsmann traurige Triumphe als Verkaufsanimator. – Seid so gut, und verwechselt uns nicht!“

 

Aus ‘Ein Geschenk des Himmels’,
von Pater Martin Ramm FSSP und Michael & Dorothea Hageböck
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Rahmen oder Bild

Zu einem schönen Bild gehört ein schöner Rahmen, damit das Bild um so besser zur Geltung kommt. Was aber, wenn man dem Rahmen so viel Aufmerksamkeit schenkt, dass man das Bild gar nicht mehr beachtet und es schließlich sogar ganz vergisst und verliert? Wäre das nicht traurig?

Ist das Weihnachtsfest Rahmen, oder ist es Bild?

Worauf es im Advent ankommt, ist, dass die Liebe Gottes sichtbar in die Welt gekommen ist und als Mensch geboren wurde. Die Geburt Jesu Christi ist das bedeutsamste Ereignis der Weltgeschichte. Leider haben dies viele Menschen vergessen.

Ein Advent und ein Weihnachtfest, bei dem nicht Jesus wirklich im Mittelpunkt steht, ist wie ein Rahmen ohne Bild, traurig und leer. Ist es nicht genau das, was viele Menschen heute empfinden? Advent als sinnleerer Einkaufsmarathon, gespickt mit Kalorienbomben und Glitzerkitsch: – Und das ist da nicht ganz tief in uns eine Sehnsucht nach mehr?

Was bedeutet Advent?

Das Wort ‚Advent’ bedeutet ‚Ankunft’. Mit dem ersten Adventssonntag (und nicht schon mitten im Oktober) beginnt diese wunderbare Zeit.

Der Advent will helfen, dass wir uns gut vorbereiten auf Jesus.

Keine Zeit im Jahr ist so dunkel wie der Advent. Er ist die Zeit der längsten Nächte und der kürzesten Tage. Deshalb ist der Advent die Zeit der Sehnsucht nach dem Licht.

Zu Weihnachten ist die Sonnenwende, dann werden die Tage wieder länger. Mit dem Weihnachtsfest besiegt das Licht die Finsternis.

Jesus ist das wahre Licht der Welt!

Aus ‚Ein Geschenk des Himmels‘,
von Pater Martin Ramm FSSP und Michael & Dorothea Hageböck
Bezugsadresse

Mensch und Mystik

Das mystische Moment ist es, was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus.

Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben. Seit jeher steht er mit einem Fuß auf der Erde und mit dem anderen im Feenland. Er hat sich stets die Freiheit genommen, an seinen Göttern zu zweifeln; anders als der heutige Agnostiker aber hat er sich auch stets die Freiheit vorbehalten, an sie zu glauben. Wahrheit war ihm immer wichtiger als logische Konsequenz. Stand er vor zwei Wahrheiten, die sich zu widersprechen schienen, so akzeptierte er beide und nahm den Widerspruch in Kauf. Seine spirituelle Sichtweise ist so stereoskopisch wie seine körperliche: er sieht zwei verschiedene Bilder gleichzeitig, was seiner Scharfsicht aber nur zum Vorteil gereicht.

So hat er immer an so etwas wie Schicksal, aber auch immer an so etwas wie den freien Willen geglaubt. So hat er geglaubt, dass den Kindern das Himmelreich gehört, aber auch, dass sie dennoch den irdischen Mächten zu gehorchen haben. Er hat die Jungen wegen ihrer Jugend bewundert und die Alten, weil sie die Jugend hinter sich hatten. Genau in diesem Ausbalancieren scheinbarer Widersprüche bestand die Spannkraft des gesunden Menschen. Das ganze Mysterium der Mystik besteht darin: dass der Mensch alles kraft dessen verstehen kann, was er nicht versteht. Der kranke Logiker bemüht sich überall um Klarheit und schafft es, alles ins Geheimnis zu hüllen. Der Mystiker findet sich damit, ab, dass es ein einziges Mysterium gibt und schon wird alles andere klar. Der Determinist arbeitet die Theorie der Kausalität bis ins letzte Tüpfelchen aus, nur um festzustellen, dass er nicht einmal mehr zum Dienstmädchen »dürfte ich Sie bitten« sagen kann. Der Christ akzeptiert, dass die Willensfreiheit ein göttliches Geheimnis bleibt; eben deshalb aber ist sein Verhältnis zum Dienstmädchen so klar und durchsichtig wie Kristall. Er pflanzt den Samen des Dogmas ins Herz der Finsternis; aber der Same keimt und entfaltet sich voller Lebenskraft in alle Richtungen.

Wie wir den Kreis zum Sinnbild der Vernunft und des Irreseins erklärt haben, so erscheint uns das Kreuz bestens geeignet, zugleich das Mysterium und die geistige Gesundheit zu symbolisieren. Der Buddhismus ist zentripetal, das Christentum hingegen zentrifugal: es bricht aus. Denn der Kreis ist seiner Natur nach vollkommen und unendlich, sein Umfang allerdings steht ein für allemal fest: er kann weder größer noch kleiner werden. Das Kreuz dagegen mag zwar im Kern einen Konflikt und Widerspruch enthalten; es kann aber seine vier Arme beliebig ausdehnen, ohne jemals die Form zu verändern. Weil in seinem Zentrum ein Paradox steht, kann das Kreuz wachsen, ohne sich zu verändern. Der Kreis kehrt in sich zurück und ist gebunden. Das Kreuz streckt seine Arme in alle vier Himmelsrichtungen; es ist ein Wegweiser für Menschen, die sich frei bewegen wollen.

Wenn man über diese grundlegenden Dinge spricht, sind allein Symbole von – wenn auch begrenztem – Wert. Ein weiteres Sinnbild aus der natürlichen Welt kann den Platz, den das Mysterium im Blick auf die Menschheit einnimmt, hinlänglich verdeutlichen. Das einzige gottgeschaffene Ding, das wir nicht anschauen können, ist eben dasjenige, in dessen Licht wir alles andere sehen. Wie die Mittagssonne erklärt das Mysterium alles Übrige – dank der Strahlkraft seiner eigenen triumphalen Unsichtbarkeit. Die abgehobene Intellektualität ist nichts als bleichsüchtiger Mondschein, denn sie ist Licht ohne Wärme, Abglanz, den eine tote Welt widerstrahlt. Die Griechen hatten Recht, als sie Apollon zum Gott sowohl der Einbildungskraft als auch der Gesundheit erklärten; er war der Schirmherr der Musen und der Heilkunst.

Über unverzichtbare Glaubenssätze und einen ganz bestimmten Glauben werde ich an späterer Stelle reden. Jene Transzendenz aber, die allen Menschen die Kraft zum Leben schenkt, nimmt im Wesentlichen die Stellung der Sonne am Himmel ein. Wir sind uns ihrer als einer Art von blendender Wirrnis bewusst; sie ist etwas ebenso Strahlendes wie Gestaltloses, ist ebenso sehr Gleißen wie blinder Fleck. Die runde Scheibe des Mondes dagegen ist so klar und eindeutig, so wiederkehrend und unfehlbar wie der euklidische Kreis auf einer Schultafel. Luna ist absolut vernünftig und die Mutter der lunatics, wie man im Englischen die Verrückten nennt

Quelle: G.K. Chesterton: Orthodoxie, Abschnitt II: Der Besessene