Vertrauen auf Jesus Christus

Christen, also Menschen, die am Jesus Christus glauben, wissen selbst, dass es mit ihrem Vertrauen auf den Herrn gar nicht so weit her ist, wie es sein könnte oder sein sollte. Dazu eine kleine Geschichte:

Ein Wanderzirkus gastierte einmal in einer kleinen Stadt. Einen Tag vor der Aufführung spannten die Zirkusleute ein Seil vom Kirchturm zum Rathausturm quer über den Marktplatz.
Der Hochseilartist des Zirkus machte darauf seine Übungen. Er balancierte von der Kirche zum Rathaus und zurück hoch über dem Platz, erst mit, dann ohne Stange. Später jonglierte er sogar mit drei Keulen auf dem Seil hoch über der staunenden Menschenmenge.
Zu guter Letzt holte er sogar eine Schubkarre und fuhr damit auf dem Seil hin und zurück. Die Leute waren außer sich und jubelten ihm zu und klatschten.
Nach seinem Training kam er zu ihnen herunter und sagte: „Glaubt ihr, dass ich auch mit einer Person in der Karre ebenfalls sicher auf dem Seil fahre?“.
„Ja“, riefen da die Leute, „das kannst du sicher auch!“
„Gut“, sagte er und ging auf einen jungen Mann zu, „dann kommen Sie doch mit mir auf das Seil – die Leute wollen bestimmt auch dieses Kunststück sehen.“
„Oh nein!“, antwortete der junge Mann, „ich will nicht da hoch!“. Die anderen Anwesenden hatten auch die Hosen voll und wichen ängstlich zurück.
Da trat plötzlich ein kleiner Junge hervor und rief: „Aber ich traue mich!“ Er stieg mit dem Akrobat auf den Kirchturm und ließ sich im Schubkarren über die Köpfe der Leute hinweg hin und her fahren. Die Zuschauer, die bereits wieder ihre gute Laune hatten applaudierten begeistert.
Als der kleine Junge wieder zu ihnen auf den Marktplatz kam, klatschte die Menge mehr dem Jungen als dem Zirkus-Mann zu und jemand sagte zu dem Kleinen: „Mensch, bist Du mutig, das hätte ich mich nie getraut.
„Wieso“, entgegnete da der kleine Junge und schaute auf den Artisten, „das ist doch mein Papa!“

Adventsexerzitien in St. Pelagiberg 30.11.2011

Adventsexerzitien in St. Pelagiberg vom 30. November – 3. Dezember 2011
Der Advent ist eine ganz spezielle Zeit zu Beginn des Kirchenjahres, die im
vorweihnachtlichen Trubel nur allzu gerne untergeht. Welch ein Glück, ihn
im Schweigen beginnen zu dürfen! Wir wollen uns anstecken lassen von der
großen adventlichen Sehnsucht nach dem Erlöser. [210,- CHF im Einzelzimmer]

 

Auskünfte und Anmeldung:
[Anmeldungen bitte mit vollständiger Adresse und Geburtsdatum]
P. Martin Ramm FSSP
Ludretikonerstrasse 3
CH-8800 Thalwil
0041-44-772 39 33
p.ramm@fssp.ch

Der rechte Schächer

Gestern habe ich mich bei der Betrachtung der Matthäus- Passion (Mt. 26) gefragt, warum die beiden Outlaws, die mit Jesus gekreuzt wurden nichts besseres zu tun hatten, als über ihren „Mit- Leidenden“ zu lästern!

Qualvoll am Kreuz zu scheitern ist wohl dem Menschen nicht peinlich genug.  Wenn jemand in der Nähe ist, dem es noch schlechter geht oder augenscheinlich noch tiefer gefallen ist als man selbst, gönnt man sich die „Genugtuung“ sich über denjenigen auch noch lächerlich zu machen.

Dabei fallen mir auch die immer wiederkehrenden titelseitigen und großflächigen Artikel in den Massenmedien ein, die frivol über einen Fall eines Mannes der Kirche berichten. Über das Schlechte in der Welt berichten aus der Fingerzeig- Perspektive heraus.  Sicher ist es deren Brot (bad news are good news), aber die Art und Weise der Darstellung zielt nicht nur auf die Ächtung der Person, die schlecht handelte, sondern ganz gezielt auf die Diffamierung der ganzen Institution deren Mitarbeiter er nur ist.

Wie gut, dass Jesus mit uns Mitleid hat, wie schwer wir uns auch verfehlen. Auf Reue folgt Vergebung. Die katholische Kirche hat dazu das passende Instrument: Die Beichte – persönlich, diskret und kostenlos. Nach Lukas sind uns die Worte Jesu am Kreuz an den reumütigen Schächer überliefert:  „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23,43)

Der Herausgerufene bist DU

Sie werden sich erinnern, dass ich gesagt habe, die neunundneunzig Gerechten sind ein Phantom. Diese Bezeichnung ist vom Herrn ironisch gemeint. Es gibt nicht die neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Das verlorene, das verirrte Schaf im Dornengestrüpp: das bist Du und das bin ich! Wir müssen umdenken. Der Herr ist gekommen, damit wir eine völlig neue Dimension unseres Denkens gewinnen, ganz im Gegensatz zur Welt, im diametralen Gegensatz zum üblichen Denken der Menschen.

Es gibt Fragen, die da lauten: Warum hat der Herr immer nur je einzelne unter so vielen geheilt? Es gab Tausende von Aussätzigen; warum hat er nur wenige geheilt? Es gab viele Entschlafene; warum hat er nur drei erweckt? Es gab soviel Not und Krankheit; warum immer nur einzelne, die Er herausgenommen hat? Er ist eben nicht gekommen, um das Leid von dieser Erde zu verbannen. Er ist eben nicht gekommen, um die Menschen von ihrem Leiden, von ihren Krankheiten zu erlösen. Er ist eben nicht gekommen, um eine „bessere, eine glücklichere Menschheit“ zu schaffen. Sondern Er ist gekommen Deinetwegen, wegen Dir, nur wegen Dir, um Dich herauszuholen und heraus zurufen.

Und jeder Bericht über eine Heilung, eine Befreiung von Besessenheit, über eine Erweckung meint Dich. Du bist angeredet, Dir wird die große Chance eröffnet, Dir wird das Angebot gemacht. Du sollst herausgerufen werden aus der Waagerechten hinein in die Senkrechte. Es ist unvorstellbar und lächerlich, dass der Herr eine Organisation gegründet hätte, um möglichst viele – am besten alle – Leidtragenden, Beladenen zu heilen und ihnen eine bessere Lebensqualität zu vermitteln. Mit solchen Vorstellungen und Zielsetzungen hat der Herr nichts, nicht im entferntesten etwas zu tun. Er will keine bessere Welt. Er will keine moralischere Menschheit. Er will keine wohnlichere, humanere Erde. Darum ist er nicht gekommen. Er ist Deinetwegen gekommen, nur Deinetwegen, um Dich heraus zurufen zu Sich in Dich hinein. Das ist der Sinn Seines Angebotes. Immer nur den einzelnen, eben Dich

Das ist das Herrliche, das Neue, die neue Dimension. Es ist eine Last, eine Krankheit, daß in unseren Reihen nach rechts und links geschaut wird. Der Herr hat es doch so deutlich, so über deutlich gesagt, und man lese doch sehr genau die hl. Schrift, eben besonders die Evangelien, besonders Johannes. Er erwählt den Simon, Er bestätigt die Erwählung: „Weide meine Lämmer!“ Aber Petrus dreht sich um – dieses typische Sich-Umschauen, nach rechts und links, nach vorn und hinten schauen, das der Herr verbietet, das der wahren Liebe im Wege steht –, er schaut auf Johannes: „Was aber ist mit diesem da?“ Immer wieder erleben wir dies in den Gemeinden, wohinter auch eben ein falscher Begriff steckt, eine falsche Vorstellung.

Wenn in der Apostelgeschichte und in den Apostelbriefen von „Gemeinde“ die Rede ist, dann ist damit nur gesagt „eine örtliche Beziehung“. Hier in Galatien, in Korinth, in Philippi ist der Herr da. Da ist Kirche, weil Christus mit seinem Anspruch sichtbar, hörbar, wahrnehmbar zugegen ist und sich dort dieser und dieser je einzelne Ihm öffnet. Das ist die Gegebenheit der Gemeinde: eine Beziehung von Du zu Du und Du in Du.

„Aber was ist mit diesem da?“ – Antwort des Herrn: „Was geht das dich an!“ „Da sieh mal an, was die für ein Leben führen. Die gehen ja zur Kommunion. Dass das der Pfarrer zulässt, diese Leute zur Kommunion gehen zu lassen.“ – Antwort des Herrn: „Was geht das dich an?“ Die leben so; die leben so: weg mit der moralischen Kategorie aus unserem Bewusstsein! Christus ist nicht gekommen, um uns moralisch aufzubessern. Christus ist nicht gekommen, um uns zu moralischen Menschen zu machen, um uns moralisch aufzustocken.

Er denkt gar nicht daran! Erst wenn wir dieses moralische Denken aus unserem Geist verbannen, haben wir die Chance, unendlich moralischer zu werden als diejenigen, die als Befehlsempfänger nur auf den Wortlaut der Gebote schauen und meinen: Was muss ich tun, darf ich das tun, muss ich das tun, was ist verboten, was ist erlaubt? Das ist Knechtesinn. Diesen Sinn auszutreiben ist Christus gekommen. „Bin ich besser, ist der besser, lebt der moralischer, jener moralischer, und der lebt in der öffentlichen Sünde und, und,“

„Was geht das Dich an. Du folge mir nach!“ Du bist gemeint! Du kommst in die Senkrechte; da hört das nach rechts und links, nach hinten und vorne Schauen auf. Und erst wenn Du dies begriffen hast, statt des ES einer moralischen Verhaltensweise, statt der sächlichen Dimension kommt jetzt die personalen Dimension, das DU zu DU, Liebe – gib Dich hin, öffne Dich, sage JA; und dann tu, was Du willst. Du wirst dann automatisch unendlich moralischer handeln, ganz von selbst.

Du wirst aber sehr unzufrieden sein mit Deinem Einsatz. Du wirst ihn für nichts achten, weil die Liebe keine Zufriedenheit kennt und weil die Liebe kein GENUG kennt und weil die Liebe kein gutes Gewissen kennt als sanftes Ruhekissen. Die Liebe kennt nur die unendliche Erbarmung des Geliebten, das grenzenlose Vertrauen in den Geliebten, dem sie sich hingibt. Ich bin ganz in meinem Geliebten, und mein Geliebter ist mein, Er, der mich liebt, da atme ich neu, da finde ich mich neu, da bin ich erhoben, angenommen, da finde ich ein neues Selbst in Ihm, durch Ihn; da atme ich ein neues heiliges, stolzes, demütig stolzes Selbstbewußtsein, das Selbstbewußtsein, das sich eben empfängt, ein ICH, das aus dem DU stammt, mit dem Er mich anredet und herausweckt aus allen Verflochtenheiten der waagerechten Dimension.

Du bist gemeint. Und erst wenn Du dies begriffen hast und nicht mehr nach rechts und links nach moralischen Gegebenheiten fragst und vergleichst und geheimen Neid in Dir hegst und geheime Rachsucht in Dir hegst, da eröffnet sich erst die Möglichkeit der wahren Liebe. Dann kann sie erst erblühen unter solchen, die jeweils als Einzelne und Einsame Ihn gefunden haben und sich Ihm hingeben und Ihn vor ihr geistiges Angesicht bekommen; da auf einmal ergibt sich das große Verlangen, dem je Begegnenden die Tür zu öffnen, um in die Senkrechte hineinzusteigen; nicht das Bestreben, möglichst viele in vergleichbarem Maße gerecht zu behandeln, gleich zu behandeln – das sind Begriffe, die dem Neuen Testament völlig fremd sind; dafür interessiert sich Christus überhaupt nicht –, sondern daß Du hinaufgehoben wirst ins Du zu DU und DU in DU.

Und daraus ergibt sich die wahre, fraglose, bedingungslose, vorurteilslose, zwecklose, unvoreingenommene Liebe. Erst wenn der Einzelne sich herauslösen lässt und kein Nebeneinander mehr kennt und kein Außerdem und kein Miteinander und kein Und, kein Hintereinander und kein Voreinander, sondern nur das Ineinander in der Senkrechten, da erblüht von selbst, nicht arrangiert, nicht gemacht durch irgendwelche Mätzchen und Gemeinschaftsarrangements und das gottverhaßte Miteinander – diese große Ehrfurcht zueinander, ineinander. Das ist immer dies eine und immer dies, der je Einzelne. Und das bist eben Du und nur Du. Und was ich immer wiederhole: Du wirst zu einem riesigen NUR, und nur wenn Du NUR wirst, wirst Du zur Liebe fähig, weil Du dann auch im je Begegnenden das große NUR ehrfürchtig erkennst und bestaunst im Schweigen der Hingabe, des für Ihn, zu Ihm hin und in Ihm Seins.

Alles Aufzählen, alles Vergleichen, alles, was sich zwischen rechts und links begibt: dies zu überwinden, dies vergessen zu lassen, dies hinter uns zu lassen als das Gemeine, dazu ist Christus gekommen, und Seine Gerechtigkeit hat mit verteilender Gerechtigkeit überhaupt nichts zu tun, sondern es ist das Aufgerichtet-sein in die Lotrechte der personalen IN-Beziehung, des IN-Leidens, des Drinnen-seins, des DU in DU, was mit dem Gleichnis vom stillen Kämmerlein gemeint ist.

Da haben wir es wieder. Da ist es denn wieder von Satz zu Satz, von Begebenheit zu Begebenheit; von Szene zu Szene erleben wir dies, immer wieder dies und nur dies: das stille Kämmerlein, woraus alles erfließt, was Wert hat. Und alles hat nur in soweit Wert, als es aus dem stillen Kämmerlein erfließt. Da wird es Geist, da wird es Anbetung, da wird es Hingabe, da wird es Erleuchtung und Erlösung. „Siehe, Ich mache alles neu.“

Pfarrer Hans Milch, 1985