Gott allein sollst du dienen

Fastenhirtenbrief 2011 „Gott allein sollst du dienen“ (Mt 4, 10)

Bischof Karl-Heinz Wiesemann

von Bischof Karl-Heinz Wiesemann

1. Die Gottes-Versuchung

Was verbinden Sie, liebe Schwestern und Brüder, wenn Sie das Wort „Versuchung“ hören? Ich habe das Internet einmal suchen lassen. Das erste, was mir unter dem Stichwort präsentiert wurde, lautete: „Versuchungen muss man nachgeben; man weiß nicht, ob sie wiederkommen.“ Ein Zitat des Schriftstellers Oscar Wilde. In dem Evangelienbericht von den Versuchungen Jesu in der Wüste, den wir jedes Jahr zu Beginn der österlichen Bußzeit hören, geht es nicht um die kleineren und größeren Verführungen sinnlicher Art, die uns unter dem Stichwort zumeist in den Sinn kommen. Sie erscheinen dem Teufel offenkundig genauso banal zu sein wie Jesus, der all dem schon vierzig Tage im Wüstensand standgehalten hat. Nein, hier geht es um die Versuchung schlechthin, die sich dann in all den vielen Versuchungen widerspiegelt und ausreizt: Das ist die Versuchung, Hand an die Wirklichkeit Gottes zu legen und Gott beiseite zu schieben, um, wie Papst Benedikt in seinem Jesus-Buch ausführt, „die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, … nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anzuerkennen und Gott als Illusion beiseite zu lassen.“ (Joseph Ratzinger – Benedikt XVI, Jesus von Nazareth. Erster Teil, Freiburg 2007, 57)
Kurzum: Es geht um das Alles oder Nichts der Gottesfrage. Ein bisschen Gott gibt es nicht, wie es auch nicht ein bisschen Menschenwürde gibt. Es geht um die Anmaßung, sich Gott verfügbar zu machen, um dann von der Welt aus beliebig eigene „Wahrheiten“ formulieren zu können, Herr sein zu können über Leben und Tod, und die Grenzen nach eigenem Interesse flexibel verschieben zu können. Dann ist alles nur noch ein Machtspiel dieser Welt. Wer will da schon dem Mainstream hinterherhinken? Von dieser einen Versuchung hängt alles andere ab.
Jesus lässt sich hier auf kein längeres Gespräch ein. Drei Zitate aus der Schrift setzt er den drei Anläufen des Versuchers entgegen, drei Worte, die die absolute Souveränität Gottes sofort wiederherstellen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ – „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ – Und schließlich: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ (Mt 4, 4.7.10)
Liebe Schwestern und Brüder, das ist die entscheidende Versuchung, die uns alle angeht: Lassen wir Gott wirklich Gott sein in seiner souveränen Freiheit, oder versuchen wir, ihn uns und unserer Welt gefügig zu machen, damit wir uns nicht wirklich ändern müssen?

2. Umkehr und Erneuerung der Kirche

Es ist in diesen Wochen viel von einem Neuanfang in der Kirche die Rede. Ja, wir brauchen wirklich einen solchen geistlichen, ermutigenden und befreienden neuen Aufbruch. Der beginnt nach dem Zeugnis des Evangeliums immer mit der Umkehr und der radikalen Hinwendung zu Gott. Das verlangt eine große Ehrlichkeit auf allen Ebenen der Kirche. Wir müssen uns auch dem Versagen in der Kirche, so bitter es in vielen Bereichen ist, aufrichtig stellen.
Das heutige Evangelium zeigt, wie Jesus vor dem Beginn seines öffentlichen Wirkens vom Geist Gottes in die Einsamkeit der Wüste getrieben wird. In der Erfahrung des Mangels wird er vollständig auf sich selbst und die ihn tragende Gottesbeziehung zurückgeworfen. Nur was hier in der Bewährung Bestand hat, kann später auch Frucht bringen. Jesus weiß, dass der Versucher den Augenblick, in dem der Mangel konkret im Hunger spürbar wird, nutzen wird, um seine Plausibilitäten vorzubringen: „Du bist doch der Sohn Gottes, du hast doch die Macht über alles! Wovor hast du Angst? Komm, stürz dich hinunter, die Welt steht dir offen.“
Auch wir erleben heute eine solche Wüstenerfahrung, wir erfahren schmerzhaft den Mangel an Gläubigen und an Berufungen, den Rückgang an finanziellen und materiellen Mitteln. Eine solche Zeit kann auch für uns eine Zeit der Neubesinnung auf das sein, was wirklich trägt, eine Zeit nicht nur des Mangels, sondern auch des Heils.
Ich höre immer wieder eine große Frustration aus vielen, vor allem älteren Katholiken, denen die Zeit um das Konzil und die Würzburger Synode noch lebendig vor Augen steht. Vierzig Jahre habe man nun schon immer dieselben Lösungsvorschläge diskutiert, und nichts habe sich getan. Aber: Haben wir uns in diesen vierzig Jahren wirklich dem Mangel konsequent geistlich gestellt und auf ihn geantwortet mit den uns als Gottesvolk gegebenen Mitteln der ganzen, leidenschaftlichen Hinwendung zu Gott im persönlichen Gebet, im Gottesdienst, in der tätigen Liebe? Ist wirklich ein Sturm des Gebetes und der Umkehr zu Gott hin durch unsere Kirchen gegangen? Als ich am Anfang meines Wirkens hier zu einer besonderen Zeit des Gebetes um Berufungen eingeladen habe, wohlgemerkt um Berufungen in der ganzen Breite unseres christlichen und kirchlichen Lebens, bekam ich mehrfach die Antwort: Was soll das Gebet, ändern Sie doch einfach die Zulassungsbedingungen zum Amt! Das hat mich sehr erschüttert. Eine Kirche, die nicht mehr betet, sondern nur fordert, dient zu nichts. Sie hat vergessen, wofür sie da ist und gerät daher bei der ersten Versuchung in Verwirrung. Dann meint man, eine Großtat des Glaubens vollbracht zu haben, wenn man Steine zu Brot erklärt. Man meint Freiheit zu gewinnen durch Weltanpassung. In Wahrheit ist das der Weg, sich selbst aufzuheben. Die katholische Kirche kann von ihrem eingestifteten Wesen diesen Weg nicht mitgehen.

3. Versöhnung im Sakrament der Buße

Wie das Volk Israel so ist auch das Volk Gottes im Neuen Bund ganz auf Gott hin ausgerichtet und lebt „von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ Zeiten, in denen man meinte, sich in der Welt einrichten zu können, haben immer zu Verfallserscheinungen geführt mit der nicht geringen Gefahr von Zerwürfnissen und Spaltungen. Deshalb ist die gegenwärtige Stunde eine große Herausforderung an uns alle. Wir müssen uns trotz aller Unterschiedlichkeit gemeinsam auf einen geistlichen Weg begeben. Das ist ein Weg des Gebetes und des Gespräches, der Ehrlichkeit und Offenheit füreinander im gemeinsamen Hören auf das Wort des Herrn und in der erneuten Intensivierung des Empfangs der Sakramente. Es ist an der Zeit, wirklich ernst mit Gott zu machen! Wenn wir nicht nur Selbstgerechtigkeiten gegenseitig austauschen wollen, dann kann ein solcher Prozess nicht gelingen ohne Erneuerung der Buße und des Sakramentes der Versöhnung. Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, warum diese Dimension, die die ganze Heilige Schrift durchzieht, so weitgehend aus unserem Bewusstsein und unserer kirchlichen Wirklichkeit verschwunden ist. Das kann nicht nur an einer früheren Überbetonung des strafenden Gottes und an entsprechenden negativen Beichterfahrungen liegen, die es sicherlich gegeben hat und die leider nie vollkommen auszuschließen sind. Ich bin davon überzeugt, dass wir neu den Mut finden müssen, uns ganz Gott anzuvertrauen mithilfe des priesterlichen Versöhnungsdienstes. Wenn wir nicht verhärtet und verbittert werden wollen, brauchen wir die befreiende Erfahrung der Versöhnung. Wir Bischöfe wollen eine solche Bitte um Vergebung und Versöhnung am Anfang unserer diesjährigen Frühjahrkonferenz vor Gottes Angesicht tragen.

4. Zeugnis und Gebet

Liebe Schwestern und Brüder, es ist wahr: Die Kirche bedarf einer tiefen Erneuerung. Dabei müssen wir uns davor hüten, uns gegenseitig zu dämonisieren. Ich weiß um die große Liebe zur Kirche und um die Ernsthaftigkeit vieler, die heute kritische und provokante Fragen an die gegenwärtige Wirklichkeit der Kirche stellen. Rein restaurative Tendenzen, die nur Äußerlichkeiten wiederherstellen wollen, sich aber keiner geistlichen Kritik unterziehen und so Gefahr laufen, blind für das Faule im Innern zu sein, führen nicht weiter. Kritische Anstöße von außen wie von innen sind, wenn ihnen wirklich etwas am Glauben und an der Kirche liegt, wichtig und wertvoll. Unsere gemeinsame, unersetzbare Aufgabe ist es aber, sie geistlich vor Gott zu überdenken im Licht des geoffenbarten und durch die Kirche überlieferten Glaubens. Unsere Aufgabe ist es, in allem die Gottesfrage zu stellen. Kritik alleine macht noch keinen Zeugen aus. Wer heute ganz konkret für Gott Zeugnis ablegt und dabei nicht nur wohlfeile Dinge verkündet, der wagt sehr viel. Die Glaubwürdigkeit der Kritik ist an diesem Wagnis zu bemessen. Daher brauchen wir vor allem das Gebet, die gemeinsame Ausrichtung auf den lebendigen Gott. Denn wir müssen endlich aus dem reinen Binnenkreislauf unserer innerkirchlichen Debatte heraus, indem wir das große Gemeinsame wieder verspüren, das uns miteinander verbindet, das Kostbare der Botschaft Jesu und seiner Sakramente, die uns anvertraut sind, die vielen Charismen, die uns geschenkt sind und das ermutigende Zeugnis von so vielen Menschen in unserer Zeit, die sich für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzen. Wir haben einen unersetzbaren Auftrag für die Menschen unserer Zeit.

5. Zölibat und Ehe

Die entscheidende Frage ist daher nicht die Kirchenfrage, sondern die Gottesfrage. Aber die Kirche steht und fällt mit der ungeteilten Ausrichtung auf Gott. Mich persönlich hat ein Ausspruch der heiligen Therese von Avila immer besonders berührt: „Gott ist so groß, dass es wohl wert ist, ihm ein Leben lang zu dienen.“ Dieser Spruch stand schon auf meiner Primizkerze. Daher will ich noch ein Wort zum immer wieder diskutierten Zölibat sagen. Der Zölibat unserer Priester ist gerade in unserer Zeit ein ungemein wichtiges, wenn auch aneckendes Zeichen, dass Gott nicht nur eine Projektion, sondern die Wirklichkeit schlechthin ist, und man für ihn wirklich alles hingeben kann. Es tut vielen Priestern und mir als Bischof weh, wenn wir hören müssen, wie abschätzig manchmal auch in kirchlichen Kreisen von diesem Charisma gesprochen wird. Natürlich war und ist diese Lebensform nicht einfach zu leben. Mir sind auch die an dem Ideal Gescheiterten nicht gleichgültig. Im Gegenteil, es wird eine zentrale Aufgabe für die Zukunft sein, auf allen Ebenen sensibler mit dem Scheitern von Menschen umzugehen. Hier sehe ich einen notwendigen ehrlichen Austausch und eine drängende pastorale Aufgabe vor uns.
Letztlich hängen Zölibat und Ehe in unserer Zeit geradezu schicksalhaft zusammen. Wo der Glaube an die lebendige Wirklichkeit Gottes verdunstet, da verschwinden alle Formen von Treue und Bindung, die den Einsatz des Lebens kosten und daher so wertvoll sind, im Dschungel der Erwartungen, Ansprüche, unvermeidlichen Enttäuschungen und Versuchungen. Die ständige Verunsicherung junger Menschen, die sich auf den Weg der ungeteilten Christus-Nachfolge begeben wollen, kann nicht dazu beitragen, den geistlichen Mangel in unserer Kirche zu beheben. Ähnliches gilt auch für die Ehen und Familien: Ihre Situation in unserer Gesellschaft kann nur verbessert werden, wenn wir die Treuen bestärken und ermutigen.

6. Eucharistische Anbetung und geistlicher Dialog

Liebe Schwestern und Brüder, die letzte Antwort Jesu auf den Versucher besteht in der Anbetung Gottes: „Vor dem Herrn sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ Wir brauchen Begleitung und Durchdringung des Dialog- und Reformprozesses in unserer Kirche durch die betende Gemeinde. Ich glaube, Vieles kann fruchtbar werden, wenn es aus dem Geist der Anbetung heraus geschieht. Dazu ist uns insbesondere die eucharistische Anbetung geschenkt. Wir vereinen uns mit der Ganzhingabe Jesus Christi an den Vater im Himmel. Wir lernen neu das Vertrauen, von Gott alles erhoffen und erbitten zu können. Ich bin überzeugt, dass die eucharistische Anbetung ein wichtiges Heilmittel für unsere Zeit sein kann und wünsche mir, dass sie in allen Gemeinden, und sei es durch eine kleine Gruppe von Betern, gepflegt wird.
Liebe Schwestern und Brüder, treten wir mit großer Zuversicht miteinander in einen geistlichen Dialog der Erneuerung, in dem wir offen und wahrhaftig um die Zukunft unserer Kirche ringen. Dazu sind im Anschluss an den Hirtenbrief einige Fragen und Anregungen formuliert, die helfen sollen, in den Gemeinden, Verbänden, geistlichen Gemeinschaften und unterschiedlichen Gruppen miteinander ins Gespräch zu kommen, damit wir unsere Pastoral 2015 mit missionarischem Geist füllen können.
Ich bin voll Zuversicht, dass Gott uns gerade in diesem geistlichen Jahr neue Freude und Kraft schenken wird. Ich wünsche Ihnen eine heilsame Fastenzeit in der Freude der österlichen Hoffnung. Dazu segne Sie und Ihre Familien der Vater, der Sohn und der Heilige Geist,

Ihr Bischof + Karl-Heinz Wiesemann

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Misstrauen der Apostel gegen den hl. Paulus

Es gilt alles zu lesen. Die ganze heilige Schrift, die Briefe des hl. Paulus. Wir haben aus dem Brief an die Galater gehört. Da war eine große Krise. Die große Krise kam daher, dass die Apostel immer mit einem gewissen Gefühl des Unbehagens Paulus empfanden. Der hl. Paulus war ihnen nicht geheuer.
Wie sagt Lord Balfour: „Die Talente fasst ein Grauen, wenn ein Genie in ihre Mitte tritt“. Das ist immer so. Dieser Paulus – Woher kam er? – Warum bezeichnet er sich als Apostel? Petrus hat ihn angenommen – Gewiss, und er hat sich dem Petrus unterstellt. Aber soweit noch nicht ganz so gut. Denn er breitete aus das Christentum, und nicht nur räumlich sondern auch den Inhalten nach, erschloss er das Wesen der Erlösung und des Gottmenschentums.
Und dann sandte man doch ein paar Spitzel nach ihm. Was erzählt dieser der Paulus den Leuten. Was predigt er den Gemeinden, die er gegründet hat. Und so trippelten sie auch schnell hinterher, gesandt von den Aposteln. Die übrigens, der hl. Paulus an einer anderen Stelle sarkastisch „Überapostel“ nennt. Da ist so einer, der Fußnoten schreibt, der beschwichtigend bemerkt, da hätten sich so (falsche) Apostel eingeschlichen, die würde der hl. Paulus so bezeichnen. Stimmt nicht, damit sind durchaus die Apostel in Jerusalem gemeint: Petrus, Jakobus, der Jüngere usw.
Die schickten dann welche nach, die denen dann erzählten: Halt mal, was der Paulus euch da erzählt, das dürft ihr so nicht annehmen, so geht’s nicht. Ihr müsst das ganze Gesetz des Moses annehmen. Ihr müsst euch beschneiden lassen und alle Einzelheiten der Vorschriften auf euch anwenden.
Die Leute hörten das ja gar nicht so ungern. Im Grunde kam das denen zupas. Man muss immer unterscheiden zwischen den Leuten und DEM MENSCHEN. Der Mensch ist etwas Großes und zu Größtem berufen. Aber die Leute? Die Leute wollen gerne wissen was sie zu tun haben. Sie wollen genau gesagt bekommen: „Das und das hat du zu machen“. Und wenn Sie dann gemacht haben dann legen sie sich schlafen: „meine Seele geht zur Ruhe. Du hast deine Pflicht erfüllt“. Dann gehen sie zurück zu ihrem innerweltleichen Feierabend, der waagrechten Dimension und ruhen sich auf dem guten Gewissen aus.
Sie haben das und das gemacht; sie haben, sie besitzen. Der Unterschied zwischen Haben und Sein, den ein französischer Differenzialphilosoph so treffend kennzeichnet. Haben immer wieder haben. Wir sind in Besitz: „Wir haben ja unseren Glauben, wir haben ja unsere Messe. Wir haben ja Dies und jenes getan“. Aber – das gilt nicht (im Christentum).
Können sie sich vorstellen, eine Verliebte und ein Verliebter, die sich beruhigt von dannen wenden: „Ich habe fünfmal geküsst und zehnmal liebkost, meine Seele geht zur Ruhe, du hat deine Pflicht getan. Jetzt hast du ein gutes Gewissen“ – Absurd.
Aber eben so absurd ist eben die Einstellung, die da pflicht- erfüllend darauf aus ist zu wissen was zu tun ist. Herr Pfarrer sagen sie mir, was zu tun ist oder man will doch etwas von der Predigt nach Hause nehmen. Die berühmte Nutzanwendung damit man weiß, was man zu machen hat, denn man will es ja richtig machen. Das ist alles so in der Denkkategorie, in der Mentalität des Habens. Das gute Gewissen haben wollen, das ist Knechtesdienst, das ist der Gesetzesdienst dieser Welt.
Der Großinquisitor sagt zu Christus in der berühmten Legende der Brüder Karamasov, von Dostojewski: „Komm nicht und verdirbt uns nicht die Gemütlichkeit. Warum überforderst Du die Leute. Die wollen ja gar keine Freiheit. Sie wollen mittraben, sie wollen in der Herde laufen. Wir haben den Leuten einen Gefallen getan. Wir haben mitgefühlt mit den Leuten. [..] Aber Du kommst da mit deiner Freiheit, mit deiner Erweckung des Menschen und überforderst sie“. Und diese Einstellung des Großinquisitors die finden wir halt wenn gesagt wird: „das soll man den Leuten nicht predigen, das überfordert die Leute, für die Leute genügt’s ja, wenn sie anständig sind und die Gebote erfüllen, nur den Leuten nicht so viel zumuten“. Schön in der Herde traben lassen.
(Genau) das hat ja den Progressivsten die Hasen in die Küche getrieben. Wenn man den Leuten jetzt sagt: „Jetzt kommt endlich die große Freiheit, jetzt kommt endlich die Vertiefung, jetzt kommt die wahre Erlösungsbotschaft. Und nach Jahrhunderten bedrückender und falscher seelsorglicher Praxis verfielen die Leute der Illusion jetzt kommt’s endlich und auf dem Vehikel der Illusion kam die Zerstörung der Fundamente und der Substanz. Das ist die Tragik.
Und aus dem ergibt sich selbstverständlich, dass man nach Art der jahrhunderte lange Seelsorge unter keinen Umständen weitermachen darf. Sondern hirnfähig, den Menschen zumuten muss die Liebe, das Verschworensein, dass er (der Mensch) Christus gehört und er weis er (Christus) will von mir nichts, sondern mich will er und will von ihm auch nichts sondern ihn.
Dieses Du zu Du und Du in Du – das ist die Dimension des Christlichen. DAS.
Das sind wie gesagt die Leute, die Gallater. Und die Gallater hörten das rechts gerne, das und das müsst ihr tun und dann geht alles in Ordnung, weil ihr das und das getan habt. Das ist eben falsch. Das ist weltliche Sklavenmentalität und hat mit Christus nichts zu tun.
Und wenn da einer kommt: „ja aber es heißt doch: Ich war nackt und du hast mich bekleidet, ich war hungrig und du hast mich gespeist“. Das ist etwas ganz anderes. Das ist das was sich ergibt aus der Hingabe. Aus der großen Liebe. Da ergibt sich Ungeheueres. Das ist das Kennzeichen, der Ausweis, dass man sich selber verlieren will in ihm.
Paulus hört selbstverständlich von den Machenschaften der Judenchristen und schreibt ihnen einen gesalzenen Brief „Ihr seid verrückt geworden, was ist mit euch los? Wenn ihr durch das Gesetz und durch die Erfüllung des Gesetzes gerecht werdet dann ist Christus umsonst gestorben. Laßt euch nicht irre machen ihr waret gut im Lauf. Wenn aber einer kommt und wäre es ein Engel vom Himmel und brächte etwas anderes vor als was ich euch predige – er sei verflucht.“
Das ist so gar nicht demütig. Das Wörtchen Demut das wird gerne missbraucht. Als Narkotikum, als Beruhigungsmittel um den Leuten einzureden auf ihrer Schmalspur reite der heilige Geist. Dafür wird das Wörtchen Demut als billige Münze verpasst.
Nein, das Gesetz ist im doppelten Sinne des Wortes aufgehoben. Nicht aufgelöst. Nicht widerrufen, sondern aufgehoben. Der mündig Gewordene ist auf der Seite des Gesetzgebers. Er übernimmt die Interessen des Gesetzgebers. Er ist nicht mehr der Befehlsempfänger, sondern derjenige der das will was der Gesetzgeber will und es sich zu Eigen macht. Eins ist mit dem Gesetzgeber und so erwacht ist in seiner Freiheit und so gerechtfertigt aus der Waagrechten in die Senkrechte, empor gerufen und auferweckt. Der Mensch.
Aus Angst Viele zu verlieren, hat man es allzu bequem und billig gemacht. Sich und den Anvertrauten. Nein, es gibt keine Dispens von der Freiheit, von der der heilige Paulus immer wieder spricht. Für die Freiheit hat euch Christus befreit. Selbstverständlich die Freiheit, die sich aus der höchsten Bindung ergibt. Aus der totalsten Verbindlichkeit ergibt.
Und nun kommt Christus. Es ist keine Wunder, dass er gesetzt ist zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel. [..] Zum Zeichen, dem man widersprechen wird. Aber deine eigene Seele wird ein Schwert durchbohren. Das folgt daraus, der Unbequeme kommt. Der große Liebende. Auf ihn und auf sein Wort einzugehen ist herrlich, unsagbar schön. Aber unbequem, sehr unbequem und erfordert Denken, Entfaltung des Denkens, Mitteilung des Denkens. Es lässt keine Ruhe. Aber es ist eine herrliche, beglückende, befreiende Unruhe. Das ist Christus.
Wie also eins werden mit ihr. Von dem am Anfang die Rede ist aus dem Buche der Weisheit. Der Introitus fängt so an: „Tiefstes Schweigen hielt alles umfangen. Die Nacht hat in ihrem Lauf die Mitte ihres Weges erreicht. Da kam oh Herr aus dem Himmel vom Königthrone herab dein allmächtiges Wort.“ Das nächtige Schweigen, das Allumfangende, das ist Maria. Ins Schweigen hinein kommt das Wort und lässt sich nieder in das nächtige Schweigen.
Das ist der Ort des Betens. Nicht der endlos kollektiv daher redende, knatternde und ratternde sondern der der ins den Schoß eingeht, in sein ureigenes Geheimnis. In seine Nacht, in seine Stille, da kehrt ER ein. Das ganze Dasein steht von nun an im Zeichen dieser unbedingten Verschworenheit. Und es ist wunderschön. Das ist das Neue: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“

Pfarrer Hans Milch, 1983

Die Würde der Mutter, die Würde der Frau

Meine lieben Brüder und Schwestern,

da heißt es in der Epistel, aus dem Galaterbrief: „Wir, meine Brüder, sind wie Isaak Kinder der Verheißung. Aber wie damals der nach dem Fleische Geborene den nach dem Geiste Geborenen verfolgte, so ist es auch jetzt. Doch was sagt die Schrift? „Verstoße die Magd mit ihrem Sohne; denn der Sohn der Magd soll nicht Erbe sein neben dem Sohn der Freien“. So sind auch wir, meine Brüder, nicht Kinder der Magd, sondern Kinder der Freien auf Grund der Freiheit, die uns Christus geschenkt hat.“

Daran wollen wir anknüpfen, um unser Thema fortzusetzen: die Würde der Mutter, die Würde der Frau, die Bedeutung der Mutter. Wir müssen gerade, da wir im Gebet und im Geiste den großen Umschwung vorbereiten, welcher der Kirche wieder ihr Gesicht gibt und sie wieder erkennbar macht, wir müssen – gerade wir! – die Fehler sehen, die in der Vergangenheit geschehen sind, vor allem auf der Ebene der seelsorglichen Praxis, Fehler, die mit die Bedingung dafür geschaffen haben, daß vor etwa zwanzig Jahren das Verderben und die Katastrophe in den Innenraum der Kirche einbrechen konnte. Es wäre völlig falsch zu sagen, „alles, was früher war, war durchweg richtig, grundsätzlich richtig gehandhabt worden“. Das ist nicht wahr. Gerade, wenn man an die Frau und Mutter denkt, da wurde der Unsinn erzählt, es gelte für den Christen das Wort „Er soll dein Herr sein“. – Christus ist gerade gekommen, um dieses Wort aufzuheben und auszuradieren! Es gilt ja gerade seit Christus und durch Christus nicht mehr! Auch im Epheserbrief die berühmten Passagen, die bei der Trauungsmesse vorgelesen werden, sind nicht in dem Sinne einer Herrschaft des Mannes zu verstehen. Wenn da der hl. Paulus sagt: „Die Frauen seien den Männern untertan, wie die Kirche Christus untertan ist“, dann ist das ein ganz anderes Untertan-Sein, nämlich ein Untertan-Sein in der Liebe! Lieben heißt dienen, geliebt werden heißt herrschen! Und zwischen zwei Liebenden beruht das auf völliger Gegenseitigkeit.

Christus sagt von Sich, daß Er umhergehen wird, um uns zu bedienen. Er sagt: „Ich bin nicht gekommen, Mich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.“ Gerade Er ist ja Mensch geworden, um die Menschheit zu Seiner Höhe emporzuführen! Denn „Er soll dein Herr sein“, das bezieht sich ja zunächst auf Gott. Dadurch, daß sich die Menschen Gott verweigerten, um zu sein wie Gott aus eigener Kraft, gerade deshalb gerieten sie unter Gott, fielen sie aus der Partnerschaft mit Gott heraus; und Gott war Herr, und die Menschen Knechte und Mägde Gottes. Gerade das ist ja aufgehoben worden durch Christus! Der Mann aber ist Sinnbild Gottes und die Frau Sinnbild der Menschheit und der Schöpfung. Und wie durch Christus die Menschheit wieder auf die Höhe Gottes geführt wird, so ist durch Christus die Frau wieder auf die Höhe des Mannes geführt worden. Das Wort „Er soll dein Herr sein“ ist aufgehoben.Würde es noch gelten, wir wären bis zur Stunde nicht erlöst! Es führt kein Weg daran vorbei. Wir können uns das nicht oft genug sagen: Die Frau ist als Frau, in ihrer Fraulichkeit, in ihrer Mütterlichkeit dem Manne völlig ebenbürtig und hat ihm nicht, in keiner Weise, um nichts zu gehorchen! Männer, die einen Gehorsamsanspruch an ihre Frau stellen und das an sich selber bemerken, haben mal wieder einen Stoff für die nächste Beichte bzw. Generalbeichte.

Ebenbürtigkeit: dies ist das Gegenteil von Gleichmacherei. Die Frau ist nicht dem Manne gleich, sie ist anders; und in ihrem Anders-Sein ebenbürtig, gleichwertig, groß, königlich. Christus ist gekommen, um die Frau zu bestätigen, zu krönen. In Maria sind alle Frauen und Mütter und Jungfrauen gekrönt, zu Königinnen erhoben worden. Und es ist die Aufgabe des Mannes, in seinen Kindern die Ehrfurcht vor der Frau zu wecken. Wenn er sich als Herr aufspielt und seine Frau wie eine Magd behandelt, versündigt er sich an seinen Kindern, versündigt er sich an seiner Frau und an seiner eigenen Aufgabe. Ebenbürtigkeit bedeutet sehr viel. Und wir werden das nächste Mal über Fragen des Zwischenmenschlichen und der Zweisamkeit besonders reden. Nun aber die Mutter. Sehen Sie, man hat die Frau tatsächlich sehr herabgesetzt, weil man auch das von der Erziehung nicht begriffen hat. Was weithin unter Erziehung verstanden wird, das ist relativ wenig.
Da ist das Ziehen – gehört auch dazu, ich habe schon oft darüber gesprochen –, aber es ist notwendig, das sehr genau auseinanderzuhalten. Wenn ich Kindern beibringe, daß sie einen Diener machen bzw. einen Knicks, daß sie anständig die Hand geben, daß sie nicht schmatzen und nicht schlürfen usw., usw., dann ist das keine Erziehung, sondern ein Ziehen. Ein Kind, welches diese Anstandsregeln, Regeln des Umgangs mit dem anderen Menschen und das Verhalten nicht beherrscht, ist nicht etwa un-er-zogen, sondern un-ge-zogen. Die Er-ziehung ist wesentlich mehr. Erziehung ist, um mit Kierkegaard zu sprechen, Existenzmitteilung, Daseinsmitteilung; und das heißt: Mitteilung einer eigenen Begeisterung! Und das ist nur möglich im Gespräch. Und sehr früh schon, beim ganz, ganz kleinen Kind, beginnt das Erziehen in das Ziehen einzufließen, und zwar immer stärker bis schließlich die Erziehung das Ziehen ablöst.

Es ist wichtig, daß die Mutter um ihre eigene Würde weiß. Die Frau ist kraft ihrer Natur Repräsentantin der Schöpfung. Das Weibliche ist die Basis der ganzen Schöpfung. Auch im geschaffenen Manne ist das Weibliche das Fundament seines Daseins. Das Weibliche ist das Allgemeine, das Menschheitliche, Volkliche. Und darum ist die Frau mit den Geheimnissen der Schöpfung, mit den Geheimnissen des Lebens besonders stark vertraut, d.h. überhaupt mit den Geheimnissen. Die Frau ist auf das Unaussprechliche bezogen. Das hat man so platt ausgelegt in dem Sinn, die Frau wäre mehr für das Gefühl, und der Mann mehr für den Verstand. Das ist natürlich kompletter Unsinn! Aber mit dieser Vorstellung ist die Frau jahrhundertelang erniedrigt worden. Die Frau ist so ein Gefühlsbündel in der Vorstellung der Menschen. Die Frau weint zum Beispiel, der Mann weint nicht – eine etwas idiotische, pseudopreußische Vorstellung, die sich sehr lange eingefressen hat: Ein Mann darf nicht weinen, ein Mann darf keine Gefühle zeigen, ein Mann ist ein dürrer Reiter des Verstandes und läßt keine Gefühle aufkommen; und die Frau ist butterweich und nachgiebig und gutmütig und ist ein einziges wogendes Meer von Gefühlen. – Ein vollkommener Unsinn! Der Mann ist genauso ein Gefühlsmensch wie die Frau; und die Frau ist genauso verstandesbegabt wie der Mann. Aber die Frau hat eine spezifische Eigenart ihres Geistes, nämlich eine Bezogenheit ins sogenannte „Intuitive“, d.h. sie ist besonders fähig, das Unaussprechliche wahrzunehmen, das Geheimnis geistig zu fassen. Und darum ist sie mit dem All tief verwandt. Sie hat eine Fähigkeit der zusammenfassenden Schau, einer Erkenntnis der Zusammenhänge und ist von daher besonders in der Lage, ratgebend beizustehen. Das Ratgeben ist das Gebären des Geistes. Darum ist die Frau Ratgeberin, mütterliche Ratgeberin ihres Mannes. Und auch der Mann sollte in seiner Frau das Mütterliche suchen und im Mütterlichen seiner Gemahlin Berge und Halt suchen und finden.

Wenn der Mann so seiner Frau begegnet, die Frau in der Männlichkeit des Mannes und der Mann in der Mütterlichkeit der Frau Halt finden, dann ist eine Atmosphäre geschaffen gemeinsamer Begeisterung, wenn beide gepackt sind von den großen Gegenständen, die über den Tag hinausweisen. Und wenn Begeisterung da ist, dann ist die Atmosphäre gegeben, in der die Kinder gedeihen. Atmosphäre ist alles. Wenn die Atmosphäre da ist, können sie tausend Fehler begehen. Wenn keine Atmosphäre da ist, können sie soviele pädagogische Zeitschriften studieren, wie sie wollen: es nutzt nichts; dann mögen sie noch so sehr nach dem neuesten psychologischen Schrei vorgehen: Wo Du nicht begeistert bist, spürt man Dir keine Begeisterung an und es nutzt alles nichts!

Wenn übrigens der hl. Paulus sagt: „Die Frau schweige in der Kirche“, meint er genau dies: Die Frau ist die Walterin des Schweigens. Und wenn sie redet, redet gerade die Frau aus dem wissenden Schweigen heraus, weil sie auf das Unaussprechliche hingeordnet ist. Der Mann nimmt das wahr. Und der Mann bringt das Unaussprechliche wie ein Bräutigam zum Ausdruck. Deshalb gestaltet der Mann das, was er von der Frau vernimmt. Beispielsweise in der Musik ist es auffällig, daß es sehr viele Dichterinnen, Romanschreiberinnen gibt, aber keine Komponistinnen. Die Frau selber ist Musik. Sie ist in ihrer Subjektivität selber Musik. Und der Mann nimmt es auf und spiegelt es zurück. Die Frau ist spiegelnder Bronnen. Aus ihr schöpft der Mann Leben, und er spiegelt sich und findet sich in ihr, in dem Schoße ihres Geistes bestätigt.

Das macht die Größe der Frau aus. Ich kann natürlich in dem Rahmen einer Predigt nur in kurzen Andeutungen reden. Es ist ein großer Irrtum zu meinen, die Größe des Geistes hänge ab von irgendeinem nachweisbaren Studium oder von einem akademischen Titel. Von daher kommt die hektische Sucht vieler Frauen heute, unbedingt auch irgendetwas nachweisen oder aufweisen zu sollen in dieser Beziehung. Es ist durchaus der Erwägung wert, und es ist möglicherweise notwendig, daß viele Frauen auch eine Berufsmöglichkeit erwerben für den Fall, daß sie alleinstehen. Das ist in unserer heutigen Gesellschaft weithin unumgänglich. Es ist nur ein Irrtum zu meinen, davon hinge ihre Ebenbürtigkeit ab! Das ist ein großer, ein verbreiteter Irrtum. Ganz und gar nicht. Geist, der ist überall zu haben, wenn er verstanden wird von sich selbst und geweckt wird von dem, der gekommen ist, des Geistes ansichtig zu werden und im Erkennen des Geistes den Geist zu wecken. Denn der Geist wird geweckt, wenn er erkannt wird. Das ist eine Sache, die sich durch alle Schichten hindurchzieht. Es kann einer drei Doktortitel haben und zweimal habilitiert sein – und doch, bei aller Spezialbegabung, dumm! Und es kann einer mit bloßer Grundschulbildung ein Mann der Bildung bzw. eine Frau der Bildung und des Geistes sein. Die Vorstellung, Geist hinge vom Umfang des Wissens ab, ist sehr töricht. Ein gewisses Wissen gehört dazu, aber ein Wissen, das aus Eros, aus Liebe gewonnen wird, nicht etwa krampfig, um auch mitreden zu dürfen, zweck-haft – sondern zweck-los. Bildung ist in dem Maße Bildung, wie sie zweck-los erworben ist. Wer sie erwirbt, um etwas zu gelten, um etwas vorweisen zu können oder um Karriere zu machen oder um mitreden zu können, um in der Diskussion mithalten zu können, der kann auswendig ganze Enzyklopädien und Lexika mit sich herumschleppen und ein Muster von Gedächtnis sein und auf alles eine komplette Antwort geben: Er ist ungebildet bis in die Fußzehen! Sein ganzes Wissen nutzt nicht. Bildung ist Eros.

Das sollte man wissen. Und heute weiß man es nicht mehr. Es ist ein Trauerspiel zu sehen, wie die Kinder weithin ohne die Mütter aufwachsen, ohne das Gespräch mit den Müttern, ohne die Zärtlichkeit, die Nähe, den Austausch mit der Mutter, weil die Mutter wähnt, sie wäre erst etwas, wenn sie irgendeinen Berufsstatus habe. Das ist ein furchtbarer, für die Kinder tödlicher Wahn! Die Größe der Frau liegt im Mütterlichen, nicht etwa im Kochtopf, im Herd, daß sie Hausfrauenarbeit vollzieht – das hängt damit zusammen, daß sie das Heim hütet und heimische Berge schafft –, aber ihr Wert besteht im Mütterlichen! Und es gibt nichts Größeres und Geistigeres auf der Welt als das Mütterliche! Von nichts wird geistig die Mutterschaft übertroffen – erreicht vom Priesterlichen, übertroffen von nichts!

Pfarrer Hans Milch, 1980

Petition „Pro Ecclesia“

Liebe Freunde,

sicherlich habt ihr schon von dieser Petition als Reaktion auf das medienwirksame Memorandum der 200 Theologen gehört. Neben dem Appell der Vorsitzenden der Initiative Pro Sancta Ecclesia e. V. (siehe Artikel: Stehen Sie zum Papst und zum Zölibat), könnt auch Ihr selbst online unterzeichnen und damit eure Unterstützung kundtun. Falls ihr dies tun wollt könnt Ihr einfach unten dem Link folgen.
Ich finde es klasse, dass es Leute gibt, die die Möglichkeit der Gegenstimme initiiert haben!

Zur Petition

Inhalt der Petition „Pro Ecclesia“

Für die Kirche und den Glauben in unserem Land haben wir, die Unter­zeichner, diese Petition verfasst. Wir legen sie vor, um zu bekräftigen, dass der Glaube an den Dreifaltigen Gott, wie ihn uns die Apostel und ihre Nachfolger überliefert haben, lebendig ist.
Nachdem sich einige Spitzenpolitiker der CDU vor wenigen Wochen mit einem Offenen Brief an die Bischöfe gewandt haben, haben nun über 200 Theologieprofessoren ein Memorandum mit ähnlichen und noch weiter ge­henden Forderungen unterzeichnet.

Wir wollen darauf ebenfalls öffentlich antworten und mit dieser Petition an unsere Bischöfe dem verzerrten Bild von der Kirche in der Öffentlichkeit entgegentreten.

Diese Forderungen an die Bi­schöfe fügen der Kirche großen Schaden zu. Gläubige werden verunsichert, getäuscht und in die Irre geführt. Diesem unredlichen Verhalten von Theo­logen und Politikern treten wir entgegen, indem wir uns deutlich und ver­nehmbar an die Seite unserer Bischöfe stellen und unsere Einheit mit dem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., bekunden.

… mehr

Papst und Kondome für Dummies

Was der Papst wirklich gesagt hat:

„Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen.

Frage: Wollen Sie damit sagen, daß die katholische Kirche nicht grundsätzlich gegen den Gebrauch von Kondomen ist?

Sie versteht sie natürlich nicht als tatsächliche oder moralische Lösung, aber in dem einen oder anderen Fall kann trotzdem die Absicht, das Risiko einer Infektion zu verhindern, ein erster Schritt in eine andere Richtung sein, zu einer menschlicheren Art, Sexualität zu leben.“

Was die Aussagen des Papstes alles nicht bedeuten, kann man in den Analysen der gewohnt inkompetenten deutschen Presse nachlesen.

Worauf Benedikt in seiner vernünftigen Bemerkung zu einem sehr komplexen Thema tatsächlich hinweist, das fasst Janet Smith so zusammen, dass es eigentlich auch deutsche Journalisten verstehen könnten:

Wenn jemand einen Überfall auf eine Bank plant und dafür normalerweise eine Schusswaffe benutzen würde, dann wäre es für ihn besser, wenn er eine Pistole ohne Patronen benutzen würde. Dieses Vorgehen würde die Gefahr tödlicher Verletzungen deutlich reduzieren. Aber es ist nicht die Aufgabe der katholischen Kirche, potentielle Bankräuber darin zu schulen, wie sie Banken ungefährlicher ausrauben können. Und es ist erst recht nicht ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ihnen Schreckschusspistolen zur Verfügung gestellt werden. Nichtsdestotrotz zeigt die Absicht des Bankräubers, das Geldinstitut so zu überfallen, dass nur geringe Gefahr für Kunden und Mitarbeiter besteht, ein Element moralischer Verantwortung, das ein erster Schritt zur Einsicht sein könnte, dass Bankraub an sich unmoralisch ist.

Quelle

Im Loyalitätskonflikt zwischen Rom und Ortskirche

Ratlose Priester – Im Loyalitätskonflikt zwischen Rom und Ortskirche

Interview mit der Kirchlichen Umschau – November 2010

Pfarrer Hendrick Jolie ist kein Barrikadenpriester, der seine Gemeinde mit immer neuem reformatorischem Eifer zu weiteren „Aufbrüchen“ treiben will. Als „konservativ “ kann man den 1992 geweihten Diözesangeistlichen (46) des Bistums Mainz aber auch nicht bezeichnen, denn am Erhalt des status quo der real existierenden Pastoral ist er nicht interessiert. Er gehört zur nachwachsenden Generation, die weder vom „Superkonzil“ geprägt ist, noch von vorkonziliaren „Erinnerungen“. Er will Priester sein, so wie die Kirche Priester will. Non plus, non minus, non aliter (nicht mehr, nicht weniger, nicht anders).

Diese zunehmende Neuorientierung unter den jungen Klerikern ist ein Phänomen, das den „Krawatten-Priester-Mainstream“ und die „andere Hierarchie“ unruhig macht. Der „Generation Benedikt“ unter den Priestern geht es nämlich nicht um eine vordergründige Kosmetik der Kirchenkrise: Vielmehr erkennt sie ein Problem, auf das der Herr selbst bereits hingewiesen hat: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie nicht bestehen.“ (Markus 3,24f)

Immer mehr junge Priester leiden unter dem „doppelten“ Gehorsam, der eingefordert wird, aber an sich widersprüchlich ist: Auf der einen Seite Rom, auf der anderen Seite eine sich anbahnende Nationalkirche antirömischer Prägung.

Nicht zuletzt dieser Leidensdruck führte 2001 zur Gründung des „Netzwerks katholischer Priester“ – eine Gesinnungsgemeinschaft von Klerikern, die ihr Priesteramt getreu ihrem Weiheversprechen ausüben wollen. Daß eine Art Selbsthilfegruppe lehramtstreuer Priester in Deutschland überhaupt nötig wurde und sich wachsenden Zulaufs erfreut, zeigt, wie viele Priester mittlerweile „zwischen den Stühlen“ sitzen, was die Gehorsamsforderung (hier der Papst, dort der Ortsordinarius) anbelangt.

Pfarrer Jolie hat mit siebzehn Mitbrüdern des Priesternetzwerks einen Brief nach Rom geschrieben, um in einer wichtigen Frage Auskunft zu erhalten, wem der Gehorsam in der Kirche geschuldet ist.

Kirchliche Umschau: Hochwürden, haben Sie ein Autoritätsproblem?


Pfarrer Hendrick Jolie:
Das sollten Sie lieber einmal die deutschen Bischöfe fragen (lacht). Im Ernst: Die Ausübung der Autorität ist in unserer Kirche vernunftgemäß begründet und sakramental verankert. Als ich im Alter von 20 Jahren – und nach einer Zeit relativer Zügellosigkeit – die Schönheit der Kirche neu entdeckte, erschien mir diese katholische Form der Autoritätsausübung als der größte Schatz. Ich stieß auf ein Wort der Heiligen Theresa von Avila, dass es keinen Weg gibt, der so schnell zur höchsten Vollkommenheit führt wie der des Gehorsams (Klosterstiftungen 5,11). Aufgrund meiner eigenen Erfahrung weiß ich deshalb: Es geht um viel, wenn innerhalb der Kirche der Gehorsam auf dem Spiel steht. Oftmals geht es aber heute eben nicht nur um sogenannte „Meinungsverschiedenheiten.“ Vielmehr ist der Glaube in Gefahr.

Wir, die im Netzwerk katholischer Priester verbundenen Geistlichen, beobachten seit Jahren mit großer Besorgnis das Auseinanderdriften von Orts- und Universalkirche. Niemand täusche sich: Wo in Presseerklärungen der Bischofskonferenz euphemistisch von „Spannungen“ oder „unterschiedlichen Auffassungen“ gesprochen wird, wo einzelne Bischöfe ankündigen, man wolle hinsichtlich päpstlicher Weisungen „Spielräume ausloten“ oder „im Gespräch mit Rom bleiben“, da geht es oftmals ums Ganze: Es geht um die Frage, wer in Glaubens- oder Moralfragen das letzte Wort hat.

Man braucht außerdem kein „Piusbruder“ zu sein, um festzustellen, dass das ausufernde Kollegialitätsprinzip des bischöflichen Amtes und der damit zusammenhängende Einfluss der Bischofskonferenzen zu Problemen geführt haben, die selbst der Papst kaum noch in den Griff bekommt, ganz zu schweigen von den nicht mehr lösbaren Problemen „an der Basis“:

A propos Basis: Die Uneinigkeit und der Ungehorsam in zentralen Fragen haben dazu geführt, daß der Großteil der Katholiken sich von ihrem Pfarrer nichts mehr sagen lässt. Beliebte Formulierung ist dabei: „Sie sehen das so, ich sehe das anders.“ Und hierbei geht es oft nicht um Kleinigkeiten, sondern um den Glauben der Kirche. Bedauerlicherweise können sie sich dann oft noch auf einen Nachbarpfarrer oder gar einen Bischof berufen, der z.B. in der Frage der Zulassung zu den Sakramenten oder in der Frage, wo die wahre Kirche Christi zu finden ist, tatsächlich das Gegenteil von dem verkündet, was ich in der Predigt gesagt habe und was traditionelle Lehre der Kirche ist. – Wo soll das aber hinführen, wenn der Gehorsam in der Kirche zusammengebrochen ist? Wenn jedes Dogma relativiert und als nicht mehr verbindlich angesehen wird?

Der nun schon vier Jahre dauernde Streit um eine Korrektur der falsch übersetzten Wandlungsworte im deutschen Missale („pro multis“ heißt eben „für viele“ und nicht „für alle“) zeigt: Die Auseinandersetzung um die Autorität in der Kirche ist in das Herz des Glaubens vorgedrungen. Schon im Abendmahlssaal stritten bekanntlich die Apostel darum, wer von ihnen der Größte sei. Damals wie heute ist das kein rein disziplinarisches Problem. Deswegen noch einmal: Wenn der Gehorsam in zentralen Fragen zur Disposition gestellt wird, steht der Glaube auf dem Spiel. Nicht zufällig wendet sich der Herr im Abendmahlssaal an den Heiligen Petrus mit dem Hinweis, er habe für ihn gebetet, damit sein Glaube nicht wanke. Petrus braucht diesen Glauben an die ihm vom Herrn übertragene Sonderstellung. Wenn dieser Glaube wankt, dann kann Petrus auch die „Brüder“ im Glauben nicht mehr stärken. Im Kern gibt es also von Anfang an die Gefahr, das Petrusamt zu nivellieren und die Aufkündigung von Gehorsam als Meinungsverschiedenheit zu bagatellisieren. Das dürfen wir aber nicht zulassen. Hier mahnt uns das Gewissen, die Stimme zu erheben!

Der Streit um die Wandlungsworte ist in unseren Augen ein Symptom, das auf eine Gehorsams- und Glaubenskrise in der Kirche hinweist. Zu diesen Vorgängen können und werden wir nicht schweigen. Wir sind weder illoyal, noch wollen wir uns wichtigmachen, auch wenn uns das nicht selten vorgeworfen wird. Es geht uns hier um eine Gewissenspflicht, und wir hoffen, daß dies auch so respektiert und wahrgenommen wird.

Kirchliche Umschau: Sie haben einen Brief an die Gottesdienstkongregation geschrieben, der ziemliches Aufsehen erregt hat. Worum geht es?

Pfarrer Hendrick Jolie: Kardinal Arinze schrieb am 17. November 2006 in seinem Amt als Präfekt der römischen Gottesdienstkongregation an die Bischofskonferenzen einen Brief. Sein Thema: Die Übersetzung der Worte „pro multis“ in den Wandlungsworten der hl. Messe.

Nachdem der Text ziemlich schnell bekannt geworden war, wurde er auch in der Zeitschrift Notitiae der genannten vatikanischen Behörde veröffentlicht – auch in deutscher Sprache.

Der genannte Brief bezog sich ausdrücklich auf die Konsultation der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen, die vorausgegangen war.

Kardinal Arinze teilte im Namen des Papstes mit, daß in den nun anstehenden Übersetzungen des Römischen Messbuchs, die durch eine dritte Auflage des Novus Ordo der lateinischen römischen Ausgabe nötig geworden seien, eine andere Übersetzung der Kelchworte zur Anwendung käme, nämlich eine präzise landessprachliche Übersetzung der Formel des „pro multis“. Die Bischofskonferenzen wurden gebeten, den Gläubigen „in den nächsten ein bis zwei Jahren“ eine geeignete Katechese anzubieten, um diese Änderung vorzubereiten.

Als Argumente für diese philologisch korrekte Art der Übersetzung gab er an:

„a) Die synoptischen Evangelien (Mt 26, 28; Mk 14, 24) beziehen sich spezifisch auf den Ausdruck „viele“ (pollôn), für die der Herr sein Opfer darbringt. Dieser Wortgebrauch wird darüber hinaus von einigen Bibelgelehrten in Verbindung mit den Worten des Propheten Jesaja (53, 11-12) betont. Es wäre durchaus möglich gewesen, in den Evangelientexten den Ausdruck „für alle“ zu wählen (wie z.B. Lk 12, 41); stattdessen benutzt der Einsetzungsbericht aber die Formel „für viele“ und diese Worte sind in den meisten modernen Bibelübersetzungen treu übersetzt worden.

b) Der Römische Ritus hat immer den Ausdruck „pro multis“ und niemals den Ausdruck „pro omnibus“ bei der Wandlung des Weins in das Blut Christi benutzt.

c) Die Anaphoren der verschiedenen Orientalischen Riten, sei es in griechischer, syrischer, armenischer oder slawischer Sprache usw., enthalten in ihren jeweiligen Sprachen das sprachliche Äquivalent zu dem lateinischen Ausdruck „pro multis“.

d) Der Ausdruck „für viele“ oder „für die Vielen“ ist eine genaue Übersetzung des Ausdrucks „pro multis“, wogegen der Ausdruck „für alle“ eher eine Erläuterung darstellt, die eigentlich in die Katechese gehört.

e) Der Ausdruck „für viele“, der offen bleibt, um jeden Menschen in das Heil einzuschließen, bringt deutlicher die Tatsache zum Ausdruck, daß das Heil nicht automatisch geschenkt wird, quasi ohne Einbeziehung des eigenen Willens oder Anteilnahme am Heil. Der Gläubige ist vielmehr eingeladen, in Glauben das Geschenk anzunehmen, welches ihm von Gott angeboten wird, und das übernatürliche Leben zu empfangen, das demjenigen geschenkt wird, der an diesem Mysterium teilnimmt. In seinem Leben ist der Christ eingeladen, dieses Mysterium umzusetzen, um so unter die „vielen“ gerechnet zu werden, auf die der Text sich bezieht.

f) In Übereinstimmung mit der Instruktion Liturgiam authenticam sollte sich bemüht werden, den lateinischen Text der editiones typicae genauer und präziser zu übersetzen.“

Den Brief des Kardinals kann man im Internet nachlesen – z.B. auf der Seite des Trierer liturgischen Institutes unter dem Stichwort „Arinze“:

Kirchliche Umschau: Der Brief von Kardinal Arinze ist ja schon ein paar Jahre alt. Warum schreiben Sie jetzt nach Rom?

Pfarrer Hendrick Jolie: Die Deutsche Bischofskonferenz hat im Pressebericht der Herbstvollversammlung unmissverständlich deutlich gemacht, daß sie an einer Revision der Messtexte des Novus Ordo im Sinne des Papstes nicht wirklich interessiert ist. Ich darf aus dem Abschlussbericht zitieren: „Dabei sind wir der Auffassung, daß das bisherige Deutsche Messbuch (2. Auflage) weithin den Anforderungen einer textgetreuen Übersetzung entspricht Es besitzt eine religiöse Sprache, die sich in der liturgischen Praxis der letzten Jahrzehnte bewährt hat. Viele Texte sind Priestern und Gläubigen durch den praktischen Vollzug vertraut. Dieser hohe Wert darf durch eine grundständig neue Übersetzung nicht gefährdet werden. Die Rezeption des künftigen Messbuchs darf wegen der Übersetzung einzelner Grundwörter oder der ohne inhaltliche Notwendigkeit erfolgenden Ersetzung bisher guter deutscher Texte durch verfremdete Neufassungen nicht insgesamt gefährdet werden.“

Worte wie „das hat sich in der liturgischen Praxis bewährt“ oder die Warnung, eine „verfremdete Neufassung“ würde die Rezeption in den Gemeinden gefährden sind eine unverhohlene Drohung in Richtung römische Kurie. Wir kennen diese Formulierungen aus anderen Vorgängen im liturgischen Bereich. Im Grunde heißt das: Die päpstliche Korrektur wird mehr oder weniger in den Wind geschlagen mit dem Verweis auf entsprechende „Gewohnheiten“ vor Ort. Mir ist z.B. kein deutschsprachiges Bistum bekannt, in dem der Wunsch des Papstes, die Gläubigen mögen auf die Neuformulierung der Wandlungsworte katechetisch vorbereitet werden, auch nur ansatzweise umgesetzt worden wäre.

Als im „Gotteslob“ hingegen vor einigen Jahren angeblich „frauenfeindliche Formulierungen“ durch geschlechtsneutrale Wendungen ersetzt werden mussten – aus „Brüdern“ wurden „Geschwister“, aus „Söhnen“ wurden „Kinder“ –, da liefen deutschlandweit die Druckmaschinen noch über Nacht an: Mit Überklebebogen und einem ideologischen Eifer, der an Fanatismus erinnerte, wurden sämtliche Gesangbücher der Republik von „diskriminierenden“ Worten gereinigt – und niemand fürchtete eine „gefährdete Rezeption“. Man nahm ohne Federlesen in Kauf, daß das gewachsene Liedgut der Gemeinden gleichsam über Nacht mit ungewohnten – und zum Teil höchst geschraubten – Formulierungen kontaminiert wurde. Und dies ohne jede Vorwarnung. Warum wäre es dann nicht möglich, ein einziges Wort im Missale zu überkleben?

Die im Netzwerk katholischer Priester verbundenen Mitbrüder legen mit ihrem Brief den Finger an eine Wunde. Unsere Frage lautet: Wie sollen sich Priester verhalten, wenn – wie so häufig – universalkirchliche und partikularrechtliche Bestimmungen einander widersprechen? Hier werden nicht wenige Priester in Gewissensnöte gestürzt: Welcher Autorität sollen sie Folge leisten? Rein rechtlich ist das universale Recht dem partikularen natürlich übergeordnet. Auf praktischer Ebene ist es leider oftmals so, daß die Berufung auf päpstliche Weisungen dem Pfarrer vor Ort wenig nützt.

Eine kurze Randbemerkung: Tonangebende Kreise in meinen Gemeinden haben mir das bizarre Etikett „papsttreu“ angeklebt. Das soll natürlich despektierlich wirken, ich betrachte das jedoch als Ehrentitel. Gleichzeitig frage ich mich, was dann die anderen Priester in meiner Nachbarschaft sind, wenn sie offenbar als nicht papsttreu angesehen werden?

Ich erwähnte bereits, daß ich als „Neubekehrter“ die kirchliche Autorität als den eigentlichen Schatz des Glaubens entdeckt habe. Auch heute noch erfahre ich, welchen Schutz selbst ein einfacher Pfarrer auf dem Land einzelnen Gläubigen gewährt, wenn er sie im seelsorglichen Gespräch mahnt, sich in den Gehorsam der Kirche zu stellen und den legitimen Autoritäten zu folgen. Viele Menschen sind doch im Glauben total verunsichert und dementsprechend allen möglichen Trends und Stimmungen ausgeliefert. Wie heilsam ist es dann, wenn die Gläubigen sich einer Autorität überlassen können, die ihren Ursprung in Gott selbst hat.

Das Problem ist natürlich: Ein Pfarrer kann nur Gehorsam einfordern, wenn er selbst in Glaube und Lebensführung der Kirche gehorsam ist. Wie soll das funktionieren, wenn es selbst in fundamentalen Fragen keine Einigkeit und – was noch schlimmer ist – keine Bereitschaft gibt, dem obersten Lehramt der Kirche zu folgen? Welches Beispiel geben uns die Bischöfe?

Besonders schmerzhaft ist es, wenn der Ungehorsam im Bereich der Liturgie vor aller Augen sicht- und hörbar wird. Wie oft haben wir als Gemeindepfarrer in den letzten Jahren erleben müssen, daß die zaghaften Versuche der römischen Behörden, den liturgischen Wildwuchs der Ortskirchen einzudämmen, auf taube Ohren gestoßen sind. Ich erspare Ihnen eine Aufzählung, auch Ihre Zeitschrift hat diese Fälle ja immer wieder dokumentiert. Die Frage der Wandlungsworte ist in unseren Augen jedoch so ernst, daß wir nicht weiter schweigen wollten. Hier geht es doch nicht um philologische Haarspaltereien. Noch einmal: Es geht um den Glauben, und der ist in Gefahr.

Kirchliche Umschau: Was haben Sie mit siebzehn anderen Mitbrüdern nach Rom geschrieben?

Pfarrer Hendrick Jolie: Wir haben uns an den Präfekten der Gottesdienstkongregation gewandt, S. Em. Antonio Cardinal Cañizares Llovera. Ich darf einfach zitieren:

„Eminenz, seit dem Jahre 2006 liegt vom Hl. Stuhl die Aufforderung zur Revision der Übersetzung der Wandlungsworte der Hl. Messe sowie die Bitte um Überprüfung der nationalen Übersetzung der Messtexte vor.

In der Zwischenzeit sind vier Jahre vergangen, ohne daß die Deutschen Bischöfe dem Wunsch des Hl. Stuhls nachgekommen wären. Weder wurden umfangreiche Katechesen zur Erläuterung der Änderung der Konsekrationsworte gehalten, noch diese Änderung selbst umgesetzt.

Unsere Anfrage vor zwei Jahren, wie wir uns als Priester bezüglich der Umsetzung des Wunsches der Gottesdienstkongregation verhalten sollen, wurde mit dem Warten auf die Entscheidung der Bischöfe beantwortet.

Nun ist die Frist zur Neufassung der Konsekrationsworte einschließlich ihrer geistlichen Vorbereitung bereits zwei Jahre abgelaufen. Die Bischöfe lassen einzig verlautbaren, daß eine Verbesserung des Deutschen Missale in seinen Übersetzungen nicht nötig sei, weil man die bisherige Fassung für gut befunden und die Gläubige sich außerdem daran gewöhnt hätten.

So scheint sich für uns ein tiefgreifender Loyalitätskonflikt anzubahnen. Denn unsere Haltung des Gehorsams dem Willen des Hl. Stuhls zu entsprechen, eine authentische Übersetzung des ‚pro multis’ in den Wandlungsworten zu verwenden, wird dadurch verhindert, daß die Befolgung der Partikularnormen genau diesem Anliegen widerspricht.

Dies löst in uns eine gewisse Ratlosigkeit und Betroffenheit aus, und wir fühlen uns als Priester, die dem Heiligen Vater gehorsam sein wollen, allein gelassen in unserer Entscheidung zur Loyalität den kirchlichen Autoritäten gegenüber.

Wir bitten daher um die Beantwortung der Frage, wie wir uns in diesem inneren Konflikt verhalten sollen, in dem unser Gehorsam dem Hl. Stuhl gegenüber durch die Bindung an die örtlichen Autoritäten und ihre Entscheidungen verhindert wird.“


Kirchliche Umschau:
Bischof Müller von Regensburg hat sich die Mahnung wohl zu Herzen genommen. Er plädierte jüngst in der Zeitung „Die Tagespost“ für eine Umsetzung des päpstlichen Willens. In seinem Buch zur hl. Messe war er noch anderer Meinung.

Pfarrer Hendrick Jolie: Für einen einfachen Gemeindepfarrer ist es immer heikel, das Verhalten einzelner Bischöfe öffentlich zu bewerten, normalerweise sehen wir im Netzwerk Katholischer Priester davon ab. Vermutlich ist der Vorstoß von Bischof Müller der Versuch eines Kompromisses – ein Kompromiss, der die deutschen Bischöfe und den Papst gleichzeitig vor Gesichtsverlust bewahren soll.

Ohne Bischof Müller zu nahe treten zu wollen, sei jedoch die Frage erlaubt, warum erst vier Jahre vergehen mussten, bis dieser Vorschlag des „für die Vielen“ auf den Tisch kam. Warum ist die von Kardinal Arinze gesetzte Frist verstrichen, ohne daß sich ein einziger Oberhirte zu Wort gemeldet hat? Warum kommt dieser Vorschlag erst jetzt, nachdem der Papst schon vor vier Jahren darum gebeten hat, die Rückkehr zur korrekten Übersetzung der Wandlungsworte katechetisch vorzubereiten? Warum nun diese wortreichen Erklärungen, nachdem die Neufassung des deutschen Missale bereits in Rom eingereicht wurde?

Dieses Vorgehen ist doch schlichtweg unverständlich: Da reichen 26 Diözesanhirten ein neuübersetztes Messbuch ein (in welchem dem Vernehmen nach ja gerade nicht „für die Vielen“, sondern weiterhin „für alle“ steht) und anschließend veröffentlicht einer dieser Bischöfe eine Erklärung, in welcher er für eine andere Übersetzung der Wandlungsworte plädiert. Hier scheint es – sehr vornehm ausgedrückt – nicht nur ein Kommunikationsproblem innerhalb der DBK zu geben.


Kirchliche Umschau:
Wir hatten ja schon mal das massive Problem des Ungehorsams der Bischöfe in Deutschland. Denken wir an „Donum vitae“!

Pfarrer Hendrick Jolie: Ich hoffe, Sie wollen mich nicht aufs Glatteis führen (lacht). Ich gebe Ihnen deshalb eine indirekte Antwort: Als das Priesternetzwerk anlässlich des Priesterjahres im Sommer in Rom war und wir Gespräche mit verschiedenen Dikasterien geführt haben, waren wir erschüttert über die Macht- und Hilflosigkeit der römischen Behörden angesichts der deutschen Misere. Es ist eben nicht so, daß man in Rom nicht wüsste, was in Deutschland los ist. Wir waren auf Widerspruch vorbereitet, als wir unsere Dossiers über verschiedene Vorgänge in der deutschen Kirche vorgetragen hatten. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Es sei noch viel schlimmer als wir es geschildert hätten, so wurde uns in einer Kongregation nicht ohne Anflüge von Zynismus geantwortet. Besonders in der „Williamson-Affäre“ sei man schockiert gewesen, daß selbst Bischöfe nicht davor zurückgeschreckt seien, auf Distanz zum Papst zu gehen, anstatt ihn zu schützen. –

Sie haben gerade das Problem „Donum vitae“ genannt, es fallen mir im Handumdrehen eine Handvoll anderer Vorgänge ein, die das Auseinanderbrechen von Orts- und Weltkirche schmerzhaft zu Tage treten lassen: Der Ökumenische „Kirchen“tag mit seinem Schwulen- und Lesbenprogramm; die Interkommunion; das ZdK mit seinen unsäglichen (= neuer und alter) Präsidenten; die Königsteiner Erklärung; die sogenannten „Pastoralteams“ in den neu erfundenden Seelsorgseinheiten, die das Hirtenamt des Pfarrers bis zur Unkenntlichkeit verdunkeln etc., etc….

Es ist immer das gleiche Spielchen: Rom schreibt eine Instruktion, eine Ermahnung oder aber der Papst mahnt die Bischöfe höchstpersönlich, bestimmte Fehlentwicklungen zu korrigieren, und es passiert – nichts!

In Rom fühlt man sich offenbar weitgehend machtlos gegen die mächtigen – aus Kirchensteuern finanzierten – Apparate vor Ort. Briefe, Ermahnungen und Anweisungen aus Rom würden von den lokalen Autoritäten in einer Unbekümmertheit übergangen, daß es einem die Sprache verschlage, so sagte man uns im Staatssekretariat. Es bleibe daher nichts anderes übrig, als entweder auf den Zusammenbruch des deutschen Kirchensteuerwesens oder aber auf eine „biologische Lösung“ hinsichtlich der Entscheidungsträger zu warten.

Mit Verlaub: Die meisten Mitbrüder im Netzwerk sind nicht bereit, sich mit diesen von den römischen Behörden aufgezeigten „Geduld-Lösungen“ abzufinden. Wir halten diese Lösungen auch für unangemessen und nicht evangeliumsgemäß. Außerdem: Wir möchten auch die Gläubigen aufrütteln, damit sie sich dem verhängnisvollen Trend entgegenstellen.

Kirchliche Umschau: Man könnte noch weitere Beispiele einfügen. Nehmen wir ein scheinbar „harmloseres“ Thema: Die Priesterkleidung.

Pfarrer Hendrick Jolie: Ich habe mich vor einigen Jahren entschieden, fast ausnahmslos die Soutane zu tragen. Sie ist in meinen Augen eine geeignete (und nebenbei bemerkt auch sehr praktische) Möglichkeit, den geistlichen Stand in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Der Priester ist nichts „Besseres“, wohl aber ein „Anderer“: Darauf macht die geistliche Kleidung aufmerksam. Es hat mich selbst überrascht, aber es ist so: Die Soutane gewährt seinem Träger einen besonderen Schutz – in der Öffentlichkeit wie auch im privaten Raum. Der Priester erfährt bis hinein in die Konkretheit seines Leibes den Segen seiner geistlichen Kleidung. Sie erinnert nicht zuletzt auch ihren Träger daran, daß er in besonderer Weise Gott geweiht ist und daß diese Weihe Seele und Leib umfasst. Und sie ist ein Zeichen der Bereitschaft, der Kirche und ihren Weisungen gehorsam zu sein.

Ganz davon abgesehen – und darauf wollen Sie mit Ihrer Frage wahrscheinlich hinweisen – gibt es ja auch partikularrechtlich eindeutige Bestimmungen, die eine geistliche Kleidung verpflichtend vorschreiben. Der Priester muß erkennbar sein, ganz gleich, ob in Soutane oder mit Kollar. Was ist davon zu halten, wenn – unbeschadet dieser Vorschrift – in einer deutschen Diözese der Sekretär des Priesterrates in bürgerlicher Kleidung – in diesem Fall mit schlecht sitzender und farblich nicht zu seinem Anzug passender Krawatte – auf einem Podium neben seinem Bischof sitzt und jener keine Miene verzieht? Jeder Beobachter wird sich denken, daß dieses Auftreten des Zivilpriesters auch im Sinne des Gesetzgebers ist – und folglich in Ordnung. Die Soutane hingegen – die vom kirchlichen Gesetzbuch natürlich weiterhin als Klerikerkleidung geführt wird – erweist sich stets als „Karrierekiller“. Auch hier haben sie wieder dieses bizarre Phänomen: Wer sich um Gehorsam bemüht, muss sich rechtfertigen und gerät unter Druck.


Kirchliche Umschau:
Der Zölibat hat unter den deutschen Bischöfen immer weniger Verteidiger, denken wir an die „Vorschläge“ von Msgr. Ackermann von Trier, Msgr. Schick von Bamberg, Msgr. Jaschke in Hamburg……

Pfarrer Hendrick Jolie: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat seine Amtszeit mit der Aussage begonnen, der Zölibat sei theologisch nicht notwendig. In diesem Zusammenhang (es handelt sich um ein SPIEGEL-Interview vom 16.02.2008) fiel dann auch das Wort, er sei gegen „Denkverbote“. Man fragt sich in aller Bescheidenheit, ob den Verantwortlichen die katastrophalen Folgen dieser Äußerungen so recht bewußt sind. Bei einfachen Gemeindemitgliedern entsteht doch der Eindruck: Alle Priester und Bischöfe, die nun nicht sofort über den Zölibat und seine Relativierung nachzudenken beginnen, sind offenbar für „Denkverbote“. Seitdem ist eine Lawine losgetreten worden, die nicht mehr zu stoppen ist – obwohl Erzbischof Zollitsch selbst mehrfach versucht hat, die Relativierung der Zölibatsverpflichtung wiederum zu relativieren – ohne Erfolg, wie vorauszusehen war. Das ist jetzt natürlich viel zu spät.

Jeder deutsche Bischof sieht sich nun gezwungen, zu dieser künstlich losgetretenen Zölibatsdebatte Stellung zu beziehen. Und da wir in einem freien Land leben, ist jeder bemüht, darauf hinzuweisen, dass man über diese Dinge natürlich reden dürfe, weil sie ja – wie jedes Kind weiß – nicht zum dogmatischen Kern der Kirche gehören.

Merken Sie etwas? Dieser Fall ist ein Musterbeispiel für eine Kampagnenfalle, in die ein Verantwortlicher nach dem anderen hineintappt. Und das tun selbst jene, die nun – im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen – betonen, es gäbe natürlich keinen Zusammenhang zwischen Pädophilie und dem Zölibat. Sofort sind zwei Worte in der Öffentlichkeit (Zölibat/Pädophilie), bei denen dann der nicht beabsichtigte Eindruck entsteht, sie stünden eben doch in irgendeinem Zusammenhang.

Dieses Verhalten ist – vornehm gesagt – aus mehreren Gründen nicht hilfreich: Erstens: Die Kirche lässt sich eine überflüssige Zölibatsdiskussion aufdrängen – und dies zu einer Zeit, in der das Thema Pädophilie in aller Munde ist. Zweitens: Die Aufregung darüber, welcher Bischof nun für und welcher gegen den Zölibat ist, lenkt von den eigentlich wichtigen Fragen (Zusammenbruch des Glaubens in der deutschen Kirche, Mangel an Berufungen, Zerstörung der Familie etc.) ab. Und schließlich: Das päpstliche Festhalten an der Verbindung von Priestertum und Zölibat wird im Mediengeschrei zu einer „Meinung“ von vielen degradiert und zudem noch mit der Vokabel „Denkverbot“ in Verbindung gebracht. Ich sage nicht, dass diese drei Folgen beabsichtigt waren. Aber die Beobachtung der „Basis“ in den Gemeinden veranlasst mich zu dieser Feststellung. Gut gemeint ist eben oftmals das Gegenteil von gut.

Kirchliche Umschau: Ihr Bischof, S. Em. Kardinal Karl Lehmann hat am Ende der Herbst-Versammlung ein Interview gegeben: Als nötige „Reformen“ nannte er die Einführung des Diakonats für Frau, die Neuformulierung der katholischen Sexualmoral in Distanzierung von Humanae vitae, die Spendung der Kommunion an irrgläubige Christen, die gar nicht den Glauben an die Transsubstantiation haben, die Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt…

Pfarrer Hendrick Jolie: Zunächst möchte ich betonen, dass die Priester des Priesternetzwerks ihren Bischöfen gegenüber loyal und gehorsam sein wollen. Gerade an diesem von Ihnen angesprochenen Vorgang kann ich deutlich machen, wie uns Priestern oft zumute ist: Von der deutschen Bischofskonferenz werden zurzeit theologische Fässer aufgemacht, um deren Schließung der Papst sich seit Jahren müht. So hat er z.B. in Fragen der Kommunionspendung an Nichtkatholiken und an sogenannte „wiederverheirateten Geschiedenen“ mit nicht zu überbietender Klarheit gesprochen. Können Sie sich vorstellen, in welchem Zwiespalt Priester stehen, die in diesen brisanten Fragen zwischen der Meinung ihres Ortsordinarius und des Papstes zerrieben werden?

Diese Spannungen – und ihr Name ist Legion – werden „von außen“ als plumper Machtkampf gedeutet, was es aber gar nicht ist. Es geht um die Kirche, die unsere Heimat ist. Es geht um die Autoritäten auf lokaler und universaler Ebene, denen wir Ehrfurcht und Gehorsam versprochen haben. Dieser Konflikt bringt nicht nur die Zartbesaiteten unter uns in ganz arge Bedrängnis. Unser Brief ist deshalb auch ein Hilfeschrei – nicht nur in Richtung Papst, sondern auch in die Richtung unserer Ortsbischöfe.

Unseres Erachtens nach lässt sich oftmals keine Position finden, die nicht entweder die Loyalitätspflicht dem Papst oder aber dem Bischof gegenüber verletzt. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, für welchen Weg sich die meisten Diözesanpriester entscheiden. Warum dieser Weg in den Medien immer noch als „mutig“ gilt, werde ich wohl nie verstehen. Welchen Mut braucht es, um hierzulande den Papst öffentlich abzukanzeln? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Schließlich: Es gibt einen noch verheerenderen Weg, diesen Zwiespalt in Sachen Gehorsam zu lösen: Viele Priester legen sich theologisch und pastoral überhaupt nicht mehr fest. Sie nutzen den Dissens zwischen Orts- und Weltkirche, um sich zurückzuziehen und sich jeden Urteils vollständig zu enthalten – aus Angst, zwischen die Lager zu geraten. Die fatalen Folgen für die Pfarrgemeinden habe ich bereits oben angedeutet. Die Leute wissen doch gar nicht mehr, was gilt. Sie sind der Diktatur des Relativismus in einer Weise ausgeliefert, die jeder Beschreibung spottet. Und wiederum: Es geht um den Glauben.

Kirchliche Umschau: Warum schert kein Bischof aus – auch keiner denen, die in unserem Land als „konservativ“ und „papsttreu“ gelten – und sagt öffentlich: „Da mach ich nicht mit! Das decke ich nicht durch mein Schweigen!“ Wenn nicht jetzt, wann dann?


Pfarrer Hendrick Jolie:
Das Ziel des Priesternetzwerks ist ja, Bischöfe zu ermutigen, den päpstlichen Weisungen zum Durchbruch zu verhelfen. Sicher gibt es nicht wenige Oberhirten, die angesichts der deutschen Sonderwege in großer Sorge sind. Zwischen den Zeilen können Sie das aus vielen Verlautbarungen herauslesen. Unsere Hirten sollen wissen, dass Sie nicht alleine dastehen, wenn Sie sich entschiedener auf die Seite des Papstes stellen. Es sind zahlreiche Priester und Gläubige da, die auf ein Zeichen der Solidarität mit dem Heiligen Vater warten – ein Zeichen, dass sich eben nicht in Worten erschöpft, sondern dass sich an konkreten Taten ablesen lässt.

Einem Bischof fällt es viel leichter, eine römische Instruktion in seiner Diözese umzusetzen, wenn er weiß, auf welche Priester und Gläubigen er sich bei den Problemen der Umsetzung verlassen kann. Wir sind sicher, dass insbesondere das Pontifikat eines deutschen Papstes eine Gnadenstunde für die Kirche ist, die wir in Deutschland nicht einfach verstreichen lassen sollten. Warum tanzt seit dem Tod des Fuldaer Bischofs Johannes Dyba so selten ein Oberhirte aus der Reihe? Das ist schwer zu sagen, hier kann nur spekuliert werden. Die Causa Mixa hat jedoch gezeigt, dass das bischöfliche Verhalten „Abweichlern“ gegenüber alles andere als brüderlich sein kann, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Mag sein, dass hier die Angst regiert. Darüber will ich nicht spekulieren.

Kirchliche Umschau: Wir sollten beten, dass die bischöfliche Hirtensorge für die Erhaltung des Glaubens wieder neu erwache und man glaubenszersetzende Äußerungen von Mitbrüdern nicht einfach als „Meinungsverschiedenheit“ unwidersprochen lässt. Wie kann man Ihrer Meinung nach die priesterliche Seele wieder aufleuchten lassen, die sacerdotale Spiritualität zurückgewinnen?


Pfarrer Hendrick Jolie:
Priestertum und Meßopfer gehören zusammen. Der Gehorsam des Priesters zeigt sich zuallererst in der Darbringung des Meßopfers. Wie wollen Sie den Gehorsam Christi rituell darstellen, wenn Sie sich gleichzeitig narzisstisch im Ausprobieren immer neuer Mätzchen produzieren?

Der Papst hat nun den „Alten Ritus“ rehabilitiert, und meiner Erfahrung nach ist dieser Ritus eine herausragende Schule des Gehorsams. Der Priester lässt sich von den Vorgaben dieses Ritus in einer Weise prägen, die dem neuen Ritus fremd ist. Hier ist alles vorgegeben – jedes einzelne Wort, ja selbst die Kopfverneigungen und die Art der Handhaltung. Ich kannte diesen Ritus nicht aus Kindertagen, muss Ihnen aber sagen: Nachdem ich diesen Ritus erlernt hatte und meine „Primiz“ in der außerordentlichen Form des römischen Ritus feierte, da ergriff mich ein Gefühl des Nachhausekommens: Hier bist du als Priester bei dir und dem lieben Gott angekommen.

Menschen aus meiner Gemeinde, die liturgisch überhaupt nicht vorgebildet sind – und deshalb nicht wissen können, dass der vorkonziliare Ritus als „böse“ zu gelten hat –, sprechen mittlerweile bzgl. des alten Ritus völlig unbedarft als von der „echten Messe“ – und das drückt genau die Empfindungen aus, die mich selbst ergreifen, wenn ich das „Introibo“ ausspreche: Dieser Ritus bringt das Opfer Christi authentisch und unverstellt zum Ausdruck, er ist sakraler, mehr auf das Wesentliche bezogen, ehrfürchtiger – und er nimmt den Priester stärker in die Schule des Gehorsams, was sehr wichtig ist.

Mag sein, dass mich einige für verrückt halten, aber nach meiner festen Überzeugung ist die alte Messe notwendig zur Gesundung der Kirche. Wir brauchen ganz dringend eine Reform der Reform. Und wir brauchen Bischöfe, die die großen liturgischen Anliegen des gegenwärtigen Papstes aufgreifen, anstatt sie zu blockieren, wobei wir wieder beim Thema Gehorsam wären.

Hw. Pfarrer Dr. Rodheudt aus Aachen, der mit mir und Hw. Pfarrer Winkel aus Fulda zum Sprechergremium des Priesternetzwerkes gehört, hat einmal gesagt: „Die alte Messe braucht eine Avantgarde, die sie auf den Leuchter zurückstellt. Sie ist die Messe von morgen, weil es ohne sie kein Morgen geben wird.“ Manche mögen das pathetisch finden. Ich bin sicher, dass er recht hat. In diesem Sinne wollen wir Avantgarde sein.

Kirchliche Umschau: Was würden Sie einem Bischof raten?

Pfarrer Hendrick Jolie: Das Netzwerk katholischer Priester hat mehrfach versucht, mit den Bischöfen in Kontakt zu treten. Wir bedauern es, daß dieser Kontakt oftmals verweigert wird und wir zu öffentlichen Erklärungen und Veröffentlichungen im Internet greifen müssen, um unsere Meinung kundzutun. Unsere Botschaft an jeden Bischof ist – bei allem Respekt – eindeutig und klar.

Sie lautet:

Exzellenz bedenken Sie, dass der Papst es noch viel schwerer hat und dass er Mitbrüder im deutschen Episkopat braucht, die ihm den Rücken stärken, damit sich in Deutschland etwas zum Guten, d.h. zum Heil der Kirche und der Seelen, bewegt. – Gegen eine Krankheit muss angekämpft werden, ansonsten breitet sie sich immer mehr aus. Und jeder Kampf verlangt eine eindeutige Positionierung! Nur so können Sie den Seelen, für die Sie verantwortlich sind, Klarheit schenken in dieser Zeit teuflischer Verwirrung und ihnen den Weg zeigen, der zur ewigen Heimat führt.

Wir bitten Sie um diese Klarheit in der lehramtlichen Verkündigung. Wir bitten Sie um deutliche Distanzierung von den Häresie-begünstigenden Aussagen bestimmter Mitbrüder. Wir bitten Sie, sich in Wort und Tat – notfalls im Alleingang – als pastor proprius ihrer Diözese, hinter den Papst zu stellen in den konkreten Punkten, in denen der Papst aktuell bemüht ist, die traditionelle Lehre der Kirche gegen Angriffe von innen zu stützen:

Erfüllen Sie durch einen Diözesanerlass den Wunsch des Papstes, zu der richtigen Version der Wandlungsworte zurückzukehren. Wiederholen Sie öffentlich die Mahnung des Papstes, daß es nicht Gegenstand der Diskussion sein kann, Frauen Anteil am Weihesakrament zu gewähren, auch nicht am Diakonat, eben weil dies unmöglich ist, da es nicht der geoffenbarte Wille Gottes ist. Stärken Sie dem Papst gegen verschiedene Ihrer Mitbrüder den Rücken, indem auch Sie erklären, dass der Zölibat auf die apostolische Lebensweise und das Beispiel unseres Herrn zurückgeht und darum keinesfalls verhandelt werden kann.

Kirchliche Umschau: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Hw. Pfarrer Hendrick Jolie aus dem Bistum Mainz führte KU-Redakteur Jens Mersch.

Quelle

Die Kirche ist selbst ein Missbrauchsopfer

Aus einem Interview des Magazins der Süddeutschen Zeitung (19/10) mit Martin Mosebach.

„SZ-Magazin: Herr Mosebach, ist Ihr Vergnügen, katholisch zu sein, im Moment geringer als sonst?
Martin Mosebach: Zweifellos, aber zugleich hat sich für mich in den letzten Wochen wunderbar bestätigt, dass es keine Alternative zur Kirche gibt … Das Leiden eines Christen dürfte doch zunächst darin bestehen, dass er selbst ein schlechter Christ ist. Vor dieser Frage tritt das Versagen der kirchlichen Institution sehr weit zurück.

SZ: Für die Opfer aber nicht. Leiden Sie auch mit ihnen?
MM: Was für eine Frage! Jeder fühlende Mensch empfindet Mitleid, wenn ihnen das Opfer eines Verbrechens begegnet.

SZ: Trotzdem hat die Institution Kirche Missbrauch ermöglicht und vertuscht.
MM: Selbstverständlich hat die Kirche keinen Missbrauch ermöglicht. Einzelne Priester haben ihr Gelübde gebrochen und die Kirche verraten. Die Kirche ist selbst ein Missbrauchsopfer.

SZ: Was ist mit dem Canisius-Kolleg und dem Kloster Ettal?
MM: Sie sprechen das Verschweigen und Vertuschen der Verbrechen an. Nach dem 2.Vatikan. Konzil hat die Kirche von sich selbst ein Bild geschaffen, das nicht auf Sünde und Schuld, sondern auf Vergebung, Nachsicht und Barmherzigkeit beruht. Es ist tragisch, dass dadurch eine Grundstimmung erzeugt wurde, in der solche Straffälle nicht ernst genug genommen wurden.

SZ: Der Jesuitenpater und Rektor des Canisius-Kollegs Klaus Mertes hat von einem „katholischen Geschmack des Missbrauchs“ gesprochen.
MM: Das ist ein übles Wort. Das Christentum hat doch den Schutz der Kinder erst in die Welt gebracht, gegen die heidnische Praxis, auch gegen alle übrigen Kulturen der Welt. Jesus spricht davon, dass jedes Kind einen Engel hat, der Gott ansieht. Und jeder, der sich an einem Kind vergreift, sollte einen Mühlstein um den Hals gehängt bekommen und ersäuft werden. Deshalb sind die Missbrauchsfälle für die Kirche ja so eine Katastrophe, ausgerechnet ein Kernanliegen wurde missachtet.

SZ: Trotzdem hat sich die Kirche bis jetzt weit mehr mit den Tätern als mit den Opfern beschäftigt.
MM: Weil die Opfer, geistlich gesprochen, in viel geringerer Gefahr sind. Es sind die Täter, die in Gefahr sind, das Leben ihrer Seele zu verlieren. Jesus hat gesagt, er sei als Arzt zu den Kranken gekommen, nicht zu den Gesunden.

SZ: Für die Opfer muss diese Logik zynisch klingen.
MM: Nicht, wenn sie die Logik Jesu verstanden haben… Friedrich Schlegel schreibt schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dass der Islam eine umsetzbare und erfüllbare Religion sei, während das Christentum unerfüllbar sei und sich sogar häufig genug im schreienden Gegensatz zu den Intentionen seines Gründers befinde. Genau darin aber liege die Stärke des Christentums.

SZ: Ist es nicht bigott, seine Legitimation aus einem notwendigen Scheitern zu ziehen?
MM: Nein, die Überforderung aus Prinzip verhindert die Banalisierung des Christentums. Was erfüllbar ist, ist banal. Der menschliche Geist erlahmt, wenn er sich nicht unerfüllbare Ziele setzt.

SZ: Auch der Zölibat scheint viele Geistliche zu überfordern.
MM: Vor dem zweiten Vaticanum hatten Priester ein Korsett, einen Halt, und zwar einen geistlichen und einen physischen, der den Priester jeden Tag daran erinnert hat, dass er ein homo excitatus a deo ist ein Mensch, der von Gott herausgerufen ist. Er trug die Sutane mit den 33 Knöpfchen oder den schwarzen Anzug mit dem hohen steifen Kragen. Er las jeden Tag die Messe und betete jeden Tag das große Brevier. Er war nie Privatmann, sondern fest eingebunden in Befehl und Gehorsam, was in der modernen Kirche weitgehend weggefallen ist. Heute machen Priester Urlaub, haben einen liturgiefreien Tag und ein modernes Apartment mit CD-Player und Flachbildschirm.

SZ: Gönnen Sie ihnen das nicht?
MM: Doch, sollen sie alles haben, nur macht diese Freiheit es ihnen viel schwerer, den Anforderungen ihres Amtes zu entsprechen. Der Priester verkörpert Jesus Christus. Wie soll das glaubwürdig gelingen, wenn er spurlos in der Zivilgesellschaft aufgeht?“
Quelle: Süddeutschen Zeitung (19/10)