{"id":230,"date":"2012-12-07T21:51:02","date_gmt":"2012-12-07T19:51:02","guid":{"rendered":"http:\/\/omnia-instaurare-in-christo.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=230"},"modified":"2012-12-05T09:43:06","modified_gmt":"2012-12-05T07:43:06","slug":"advent","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/omnia.alte-messe-bistum-speyer.de\/?p=230","title":{"rendered":"Zum Advent"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.pfarre-thiersee.at\/images\/johannes-der-taeufer.jpg\" alt=\"\" width=\"262\" height=\"350\" \/>Einige Gedanken kurz vor dem Fest der Erl\u00f6sung. Das Wort das Herrn erging an Johannes in der W\u00fcste. W\u00fcste hei\u00dft Offenheit, f\u00fcr Gott offen sein, f\u00fcr Ihn sich leer machen, ohne Ablenkung, ohne Vielerlei, ohne Wechsel der Erscheinung. &#8222;In die W\u00fcste gehen&#8220; hei\u00dft zu sich selbst gehen \u2013 der tiefste Sinn dessen, was das Wort &#8222;W\u00fcstenv\u00e4ter&#8220; beinhaltet.<\/p>\n<p>Nach den gro\u00dfen, ekstatischen Martyrien, da die gro\u00dfen Bekenner sich hingaben dem Rachen der L\u00f6wen und den malmenden Z\u00e4hnen der Bestien, dem Schwerte und dem Kreuz, schon hin\u00fcbergehoben \u00fcber alle Grenzen, als die Zeit der Verfolgung vorbei war, da brannte in den Herzen der Ergriffensten das Verlangen nach dem anderen Martyrium, jenseits der Erscheinungen zu leben, jenseits jeglicher Zerstreuung, jenseits des Irdischen schon den hei\u00dfersehnten Liebestod vor dem k\u00f6rperlichen Hinscheiden zu erfahren. Darum gingen sie in die W\u00fcste, um den Tod vorwegzunehmen, um schon jenseits des Jordan zu wohnen, wo Johannes taufte. So hei\u00dft es ja an anderer Stelle: &#8222;Dies aber geschah zu Bethanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte&#8220; \u2013 jenseits des Jordan: Eben dr\u00fcben, am anderen Ufer in der W\u00fcste, jenseits des Getriebes, jenseits von Gesellschaft und Geselligkeit, jenseits der vielen Worte, jenseits des Vielerlei, ins eine hineingehen, was not tut.<\/p>\n<p>Denn &#8222;Bu\u00dfe&#8220; hei\u00dft ja &#8222;Einerlei&#8220;. Da ist nur das eine und immer gleiche zu sehen: der gew\u00f6lkte, flammende Himmel der Nacht, der ja in der thebaischen W\u00fcste ganz besonders niedrig h\u00e4ngt \u2013 auch in der W\u00fcste, in die der hl. Johannes der T\u00e4ufer hineinging \u2013 und tags\u00fcber der freie Himmel, unter dessen Dach ungesch\u00fctzt, barh\u00e4uptig der einzelne sich dem Anspruch Gottes preisgab. Rechts und links war nichts zu finden. Weite Horizonte, aber sprachloser Sand, Armut des Geistes: das ist in der W\u00fcste garantiert und mit der W\u00fcste gemeint und gesichert. Die W\u00fcste ist gleichsam ein wirksames Sinnbild, ein sakramentales Zeichen f\u00fcr die Armut des Geistes. Weit ausgespannt, Sand, gleiche Farbe.<\/p>\n<p>Und da ergeht das Wort des Herrn an dich, in deiner Einsamkeit. Einsamkeit und W\u00fcste ist dasselbe. Wenn du das Wort des Herrn an dich vernehmen willst, also dein Wort h\u00f6ren willst, dein Dasein \u2013 Dein Sein ist ja das Wort des Herrn. Du bist ja identisch mit Ihm, also Sein Wort. Im tiefsten ist mit dem Gleichnis vom Samen, der in die Erde f\u00e4llt und stirbt, um Frucht zu bringen, gemeint der Mensch. Jeder Mensch ist Wort, ist Gedanke Gottes. Und dieses Wort f\u00e4llt in die Erde. Aber die Erde ist Gott, die gepfl\u00fcgte Erde Christus, der Zermalmte, Geschlagene, Zerschundene und Zerfurchte, der Sich \u00f6ffnet, weit auftut als blutende Wunde, damit der Mensch, der Same, das Gotteswort hineinfallen kann, um Frucht zu bringen f\u00fcr und f\u00fcr. Der Mensch ist Wort Gottes. Aber das, was er selber ist, vernimmt er, wenn er sich fallenl\u00e4\u00dft in die gute Erde, in Christus.<\/p>\n<p>Und dieses Sich-Fallenlassen in die gute Erde geschieht eben in der Einsamkeit. Ob es eine Zelle ist zwischen vier kahlen W\u00e4nden, oder wo es auch sein mag: dort erf\u00e4hrst du dich als Sein Wort und wei\u00dft: &#8222;Ich bin Wort des Herrn und habe eine Sendung.&#8220; Aber das, was ich bin, mu\u00df ich h\u00f6ren von dem, der in meine Stille hineinspricht. Denn ich bin nicht allein \u2013 im \u00fcblichen Sinne des Wortes \u2013 Er ist immer dabei. Je einsamer ich bin, um so weniger bin ich es im Grunde; denn da ist der Andere am Zug, der Eine und Einzige, der meine Einsamkeit durchbricht, der mich wahrhaft Verstehende, der durch alle Krusten und Schalen, Verstellungen und Verf\u00e4lschungen Hindurchschauende, Hindurchschreitende, Hindurchbrechende, der in meine Innenmitte hineinst\u00f6\u00dft, um sie herauszuwecken aus den Verwicklungen der Zuf\u00e4lle. Damit ich ganz zu mir selbst komme, mu\u00df Er kommen; denn Er ist mein wahres ICH. Und dort, wo ich ganz ICH bin, dort m\u00fcndet mein Dasein ins ewige Sein, in den Gedanken, den Gott von mir denkt, dort wo Gott mich ausspricht und meine Bestimmung sagt.<\/p>\n<p>Das ist heute so selten geworden, so unsagbar selten, so bedrohlich, so schicksalhaft selten. Diese Seltenheit h\u00e4ngt \u00fcber uns wie ein Damoklesschwert, zum Mord bereit und zur Zerst\u00f6rung. Denn diese Seltenheit ist Satans Waffe Ganz sehen geschieht es, da\u00df einer zu sich selber kommt, damit das Wort des Herrn an ihn ergeht in der W\u00fcste.<\/p>\n<p>W\u00fcste kann auch anders verstanden werden, in einem ganz negativen Sinne: im Sinne von Zerst\u00f6rung, im Sinne von Einebnung und Gleichmacherei. W\u00fcste im negativen Sinne des Wortes, im Sinne von Verw\u00fcstung ist dort gegeben, wo der einzelne nicht mehr er selber ist, sondern ein X oder ein Y, selber ein Zufall, irgendeiner unter anderen, neben anderen, mit anderen, wie andere behandelt wird, alle sind gleich. Dort ist W\u00fcste im Sinne von Verw\u00fcstung. Die freilich wuchert. Die breitet sich aus. &#8222;Die W\u00fcste w\u00e4chst&#8220;, sagt Nietzsche. &#8222;Wehe dem, der W\u00fcsten birgt.&#8220; Das ist die b\u00f6se W\u00fcste. &#8222;Wehe dem, der W\u00fcsten birgt&#8220; \u2013 der in sich selber die Verw\u00fcstung und die Einebnung, die Planierung duldet und als angenehm empfindet, irgendeiner unter anderen zu sein, mit anderen. &#8222;Ich will kein Besonderer, kein Einmaliger sein, sondern ich will einer neben anderen sein&#8220;, wie es in dem Nazilied hei\u00dft: &#8222;Einer steht dem anderen bei \u2013 neben.&#8220; \u2013 Das ist sehr anspruchslos.<\/p>\n<p>Die Anspruchslosigkeit ans eigene Dasein, die Anspruchslosigkeit an die eigene Unverwechselbarkeit, die Anspruchslosigkeit, was die Bedeutung, Wert und Sinn des eigenen Lebens angeht, die breitet sich aus. Es herrscht ein dumpfer, tierischer Anspruch an das, was diese Welt an Gen\u00fcssen bietet. So sackt der Mensch ab ins Zuf\u00e4llige, ins Vielerlei. Da ist sehr viel Abwechslung. Da ist geradezu eine Abwechslungssucht. Sie findet ihren extremen symbolischen Ausdruck in dem flimmernden, wechselnden Licht \u2013 beispielsweise in Diskotheken. Selbst wenn das Licht das gleiche bleibt, kann es schon weithin nicht mehr ertragen werden. Ununterbrochen mu\u00df Wechsel geschehen. Aber dieser Wechsel, dieses Variet\u00e9, diese Summe von sich abl\u00f6senden Zuf\u00e4llen best\u00e4tigt nicht etwa die Besonderheit, sondern wirkt das Einerlei.<\/p>\n<p>Genauso wie die zuf\u00e4lligen Erscheinungen immer beschleunigter hervortreten, wie sie in geometrischer Reihe sich t\u00fcrmen und aufst\u00fclpen und aufdr\u00e4ngen, Zufall um Zufall. Und jeder einzelne Zufall gleicht dem anderen, wie ein Ei dem anderen gleicht. Nur das ganz \u00c4u\u00dferliche, Nichtssagende steht im Zeichen des Wechsels. Je mehr die Bilder einander abl\u00f6sen und auf ihn einst\u00fcrmen, um so entleerter wird der einzelne, um so mehr wird er zum Serienfabrikat, zum Verbraucher. Aber der Mensch, der ein Verbraucher ist, angelockt von \u00e4u\u00dferen Angeboten, voller Anspruch an \u00e4u\u00dfere Angebote, der Verbrauchermensch wird selbst zur Verbrauchermarke, zur Ware. Er wird selber verbraucht. Der Verbrauchende l\u00e4\u00dft sich verbrauchen. Das ist das Kennzeichen des heutigen Menschen dieser Gesellschaft mitten im Schwall von Krebswucherungen. Und diese Gesellschaft ist selber eine einzige Krebswucherung.<\/p>\n<p>Und wer aus diesem Vielerlei, aus diesem sinnlos girrenden und flirrenden, s\u00fcchtigmachenden Anspruch, faden, dumpfen Anspruch weckenden Vielerlei der Sucht herausstrebt und in die gute W\u00fcste geht, in seine W\u00fcste, in seine Einsamkeit, der Ablenkung entronnen, der wird wesentlich und vernimmt das Wort des Herrn in der W\u00fcste.<\/p>\n<p>Und dann kommt das Wort von der &#8222;Bu\u00dftaufe, zur Vergebung der S\u00fcnden&#8220;. Taufe, die der hl. Johannes der T\u00e4ufer vollzieht, ist nichts anderes als das Zeichen, da\u00df der Mensch einsieht: &#8222;Ich bedarf des Herrn zur Vergebung meiner S\u00fcnden.&#8220; Bu\u00dftaufe zur Vergebung der S\u00fcnden, wie Johannes sie vornimmt, hei\u00dft nicht etwa: &#8222;Jetzt fang an, und h\u00f6r auf mit deinen S\u00fcnden! Jetzt recke dich auf, und setze dich in Marsch hin zum Herrn!&#8220;, sondern genau das Gegenteil: &#8222;Sieh ein, da\u00df du nichts vermagst. Tue Bu\u00dfe, kehre um, und la\u00df Ihn kommen! Bereite nicht deinen Weg, sondern Seinen Weg.&#8220;<\/p>\n<p>Einzusehen, da\u00df es Sein Weg ist, da\u00df Er kommen mu\u00df: das ist die Umkehr, die der hl. Johannes verlangt. &#8222;Kehre um vom Wahn, du k\u00f6nntest vor Gott bestehen! Wende dich ab von der Illusion, es l\u00e4ge an deinen Werken, zurechtzukommen und zu bestehen im Gericht! Sieh endlich ein, da\u00df du nichts vermagst, da\u00df du ein Nichts bist! \u00d6ffne dich! Gewinne die Armut des Geistes und sag das br\u00e4utliche Wort, das erl\u00f6sende Wort: &#8222;Komm! Herr, komm!&#8220;, eben das adventliche Wort. Bekehre dich zu deinem Advent!&#8220; Und dein Advent hei\u00dft Erwartung. Und der Ankommende ist Er \u2013 nicht wie es heute hei\u00dft: Das pilgernde Gottesvolk hin zur Wahrheit. Das ist das Antichristliche. Das Christliche hei\u00dft: Ihn erwarten. Er mu\u00df kommen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft &#8222;Seinen Weg bereiten&#8220;. Und auch dies geschieht eben, wenn der einzelne den Zuf\u00e4llen entflieht und hineingeht in jene Freiheit, die Gott Raum l\u00e4\u00dft, damit Er zu Wort kommt: &#8222;Herr, sprich Dein Wort! Ich will Dich zu Wort kommen und ich will Dich kommen lassen. Sei Du es! Mach Du es! \u00dcbernimm Du mich! Gewinn Du Herrschaft \u00fcber mein ganzes Dasein! Erobere mich! Brich ein! Rei\u00df mich an Dich und in Dich hinein! Sei Du der, der nach mir greift! Hier bin ich. Ich bin bereit. Herr, komm! Du mu\u00dft kommen, wenn anders ich nicht zugrunde gehen soll. Komm aus Deiner Freiheit!&#8220; Und Er kommt, nicht weil wir rufen und schreien &#8222;Komm!&#8220;, sondern weil Er kommen will. Aber wer den Ruf &#8222;Komm, Herr!&#8220; aus seinem Innersten herausgesto\u00dfen hat, der wird Ihn empfangen. Gott kommt nicht, weil Er wei\u00df, da\u00df Er empfangen wird. Er kommt, weil Er kommen will. Aber Er wird von dem empfangen, der will, da\u00df Er kommt.<\/p>\n<p>Und dieses adventliche &#8222;Komm!&#8220;, eben jene Bu\u00dftat, jene Umwendung: &#8222;Halt ein! H\u00f6r endlich auf zu gehen!&#8220;, wenn du dich in Marsch setzt von Ihm weg, &#8222;Bleib stehen, um Seine N\u00e4he zu erfahren! Herr, komm!&#8220;, und diese Bu\u00dftat des Restes im Menschen, der da schreit &#8222;Komm!&#8220;, diese Geistestat des &#8222;Komm, o Herr!&#8220; vollendet sich in Maria.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach Deinem Wort!&#8220; Das ist der adventliche Aufruf, der an jeden Einzelnen ergeht: &#8222;Bekehre dich endlich zu dir selber, denn der Herr will zu dir selber kommen!&#8220; La\u00df Ihn kommen. Und wenn du Ihn kommen l\u00e4\u00dft, findest du dich in Ihm und in Seinem Wort den Sinn deines Daseins und deines Seins. Und du selbst wirst dann ein Wort, das wiegt, hineingesprochen in die Verw\u00fcstung unserer Tage, in die Vielfalt der W\u00f6rter. In die Milliarden \u00dcberfl\u00fcssigkeiten hinein kommt pl\u00f6tzlich ein Gewicht. Wenn auch nur einer sich erhebt und dann mit dem Gewicht Gottes auftritt und aufsteht, vielleicht im Verborgenen, dann werden Katastrophen abgewendet; und ganze V\u00f6lker werden gerettet, wenn irgendwo einzelne Gewicht gewinnen. Wie w\u00e4r&#8220;s, wenn du zu den ganz wenigen Einzelnen dich z\u00e4hlen k\u00f6nntest, auf die Gott z\u00e4hlen kann, weil Er bei ihnen zu landen vermag.<\/p>\n<blockquote><p>Pfarrer Hans Milch<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige Gedanken kurz vor dem Fest der Erl\u00f6sung. Das Wort das Herrn erging an Johannes in der W\u00fcste. 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