Mensch und Mystik

Das mystische Moment ist es, was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus.

Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben. Seit jeher steht er mit einem Fuß auf der Erde und mit dem anderen im Feenland. Er hat sich stets die Freiheit genommen, an seinen Göttern zu zweifeln; anders als der heutige Agnostiker aber hat er sich auch stets die Freiheit vorbehalten, an sie zu glauben. Wahrheit war ihm immer wichtiger als logische Konsequenz. Stand er vor zwei Wahrheiten, die sich zu widersprechen schienen, so akzeptierte er beide und nahm den Widerspruch in Kauf. Seine spirituelle Sichtweise ist so stereoskopisch wie seine körperliche: er sieht zwei verschiedene Bilder gleichzeitig, was seiner Scharfsicht aber nur zum Vorteil gereicht.

So hat er immer an so etwas wie Schicksal, aber auch immer an so etwas wie den freien Willen geglaubt. So hat er geglaubt, dass den Kindern das Himmelreich gehört, aber auch, dass sie dennoch den irdischen Mächten zu gehorchen haben. Er hat die Jungen wegen ihrer Jugend bewundert und die Alten, weil sie die Jugend hinter sich hatten. Genau in diesem Ausbalancieren scheinbarer Widersprüche bestand die Spannkraft des gesunden Menschen. Das ganze Mysterium der Mystik besteht darin: dass der Mensch alles kraft dessen verstehen kann, was er nicht versteht. Der kranke Logiker bemüht sich überall um Klarheit und schafft es, alles ins Geheimnis zu hüllen. Der Mystiker findet sich damit, ab, dass es ein einziges Mysterium gibt und schon wird alles andere klar. Der Determinist arbeitet die Theorie der Kausalität bis ins letzte Tüpfelchen aus, nur um festzustellen, dass er nicht einmal mehr zum Dienstmädchen »dürfte ich Sie bitten« sagen kann. Der Christ akzeptiert, dass die Willensfreiheit ein göttliches Geheimnis bleibt; eben deshalb aber ist sein Verhältnis zum Dienstmädchen so klar und durchsichtig wie Kristall. Er pflanzt den Samen des Dogmas ins Herz der Finsternis; aber der Same keimt und entfaltet sich voller Lebenskraft in alle Richtungen.

Wie wir den Kreis zum Sinnbild der Vernunft und des Irreseins erklärt haben, so erscheint uns das Kreuz bestens geeignet, zugleich das Mysterium und die geistige Gesundheit zu symbolisieren. Der Buddhismus ist zentripetal, das Christentum hingegen zentrifugal: es bricht aus. Denn der Kreis ist seiner Natur nach vollkommen und unendlich, sein Umfang allerdings steht ein für allemal fest: er kann weder größer noch kleiner werden. Das Kreuz dagegen mag zwar im Kern einen Konflikt und Widerspruch enthalten; es kann aber seine vier Arme beliebig ausdehnen, ohne jemals die Form zu verändern. Weil in seinem Zentrum ein Paradox steht, kann das Kreuz wachsen, ohne sich zu verändern. Der Kreis kehrt in sich zurück und ist gebunden. Das Kreuz streckt seine Arme in alle vier Himmelsrichtungen; es ist ein Wegweiser für Menschen, die sich frei bewegen wollen.

Wenn man über diese grundlegenden Dinge spricht, sind allein Symbole von – wenn auch begrenztem – Wert. Ein weiteres Sinnbild aus der natürlichen Welt kann den Platz, den das Mysterium im Blick auf die Menschheit einnimmt, hinlänglich verdeutlichen. Das einzige gottgeschaffene Ding, das wir nicht anschauen können, ist eben dasjenige, in dessen Licht wir alles andere sehen. Wie die Mittagssonne erklärt das Mysterium alles Übrige – dank der Strahlkraft seiner eigenen triumphalen Unsichtbarkeit. Die abgehobene Intellektualität ist nichts als bleichsüchtiger Mondschein, denn sie ist Licht ohne Wärme, Abglanz, den eine tote Welt widerstrahlt. Die Griechen hatten Recht, als sie Apollon zum Gott sowohl der Einbildungskraft als auch der Gesundheit erklärten; er war der Schirmherr der Musen und der Heilkunst.

Über unverzichtbare Glaubenssätze und einen ganz bestimmten Glauben werde ich an späterer Stelle reden. Jene Transzendenz aber, die allen Menschen die Kraft zum Leben schenkt, nimmt im Wesentlichen die Stellung der Sonne am Himmel ein. Wir sind uns ihrer als einer Art von blendender Wirrnis bewusst; sie ist etwas ebenso Strahlendes wie Gestaltloses, ist ebenso sehr Gleißen wie blinder Fleck. Die runde Scheibe des Mondes dagegen ist so klar und eindeutig, so wiederkehrend und unfehlbar wie der euklidische Kreis auf einer Schultafel. Luna ist absolut vernünftig und die Mutter der lunatics, wie man im Englischen die Verrückten nennt

Quelle: G.K. Chesterton: Orthodoxie, Abschnitt II: Der Besessene

Vertrauen auf Jesus Christus

Christen, also Menschen, die am Jesus Christus glauben, wissen selbst, dass es mit ihrem Vertrauen auf den Herrn gar nicht so weit her ist, wie es sein könnte oder sein sollte. Dazu eine kleine Geschichte:

Ein Wanderzirkus gastierte einmal in einer kleinen Stadt. Einen Tag vor der Aufführung spannten die Zirkusleute ein Seil vom Kirchturm zum Rathausturm quer über den Marktplatz.
Der Hochseilartist des Zirkus machte darauf seine Übungen. Er balancierte von der Kirche zum Rathaus und zurück hoch über dem Platz, erst mit, dann ohne Stange. Später jonglierte er sogar mit drei Keulen auf dem Seil hoch über der staunenden Menschenmenge.
Zu guter Letzt holte er sogar eine Schubkarre und fuhr damit auf dem Seil hin und zurück. Die Leute waren außer sich und jubelten ihm zu und klatschten.
Nach seinem Training kam er zu ihnen herunter und sagte: „Glaubt ihr, dass ich auch mit einer Person in der Karre ebenfalls sicher auf dem Seil fahre?“.
„Ja“, riefen da die Leute, „das kannst du sicher auch!“
„Gut“, sagte er und ging auf einen jungen Mann zu, „dann kommen Sie doch mit mir auf das Seil – die Leute wollen bestimmt auch dieses Kunststück sehen.“
„Oh nein!“, antwortete der junge Mann, „ich will nicht da hoch!“. Die anderen Anwesenden hatten auch die Hosen voll und wichen ängstlich zurück.
Da trat plötzlich ein kleiner Junge hervor und rief: „Aber ich traue mich!“ Er stieg mit dem Akrobat auf den Kirchturm und ließ sich im Schubkarren über die Köpfe der Leute hinweg hin und her fahren. Die Zuschauer, die bereits wieder ihre gute Laune hatten applaudierten begeistert.
Als der kleine Junge wieder zu ihnen auf den Marktplatz kam, klatschte die Menge mehr dem Jungen als dem Zirkus-Mann zu und jemand sagte zu dem Kleinen: „Mensch, bist Du mutig, das hätte ich mich nie getraut.
„Wieso“, entgegnete da der kleine Junge und schaute auf den Artisten, „das ist doch mein Papa!“

Adventsexerzitien in St. Pelagiberg 30.11.2011

Adventsexerzitien in St. Pelagiberg vom 30. November – 3. Dezember 2011
Der Advent ist eine ganz spezielle Zeit zu Beginn des Kirchenjahres, die im
vorweihnachtlichen Trubel nur allzu gerne untergeht. Welch ein Glück, ihn
im Schweigen beginnen zu dürfen! Wir wollen uns anstecken lassen von der
großen adventlichen Sehnsucht nach dem Erlöser. [210,- CHF im Einzelzimmer]

 

Auskünfte und Anmeldung:
[Anmeldungen bitte mit vollständiger Adresse und Geburtsdatum]
P. Martin Ramm FSSP
Ludretikonerstrasse 3
CH-8800 Thalwil
0041-44-772 39 33
p.ramm@fssp.ch

Der rechte Schächer

Gestern habe ich mich bei der Betrachtung der Matthäus- Passion (Mt. 26) gefragt, warum die beiden Outlaws, die mit Jesus gekreuzt wurden nichts besseres zu tun hatten, als über ihren „Mit- Leidenden“ zu lästern!

Qualvoll am Kreuz zu scheitern ist wohl dem Menschen nicht peinlich genug.  Wenn jemand in der Nähe ist, dem es noch schlechter geht oder augenscheinlich noch tiefer gefallen ist als man selbst, gönnt man sich die „Genugtuung“ sich über denjenigen auch noch lächerlich zu machen.

Dabei fallen mir auch die immer wiederkehrenden titelseitigen und großflächigen Artikel in den Massenmedien ein, die frivol über einen Fall eines Mannes der Kirche berichten. Über das Schlechte in der Welt berichten aus der Fingerzeig- Perspektive heraus.  Sicher ist es deren Brot (bad news are good news), aber die Art und Weise der Darstellung zielt nicht nur auf die Ächtung der Person, die schlecht handelte, sondern ganz gezielt auf die Diffamierung der ganzen Institution deren Mitarbeiter er nur ist.

Wie gut, dass Jesus mit uns Mitleid hat, wie schwer wir uns auch verfehlen. Auf Reue folgt Vergebung. Die katholische Kirche hat dazu das passende Instrument: Die Beichte – persönlich, diskret und kostenlos. Nach Lukas sind uns die Worte Jesu am Kreuz an den reumütigen Schächer überliefert:  „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23,43)

Der Herausgerufene bist DU

Sie werden sich erinnern, dass ich gesagt habe, die neunundneunzig Gerechten sind ein Phantom. Diese Bezeichnung ist vom Herrn ironisch gemeint. Es gibt nicht die neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Das verlorene, das verirrte Schaf im Dornengestrüpp: das bist Du und das bin ich! Wir müssen umdenken. Der Herr ist gekommen, damit wir eine völlig neue Dimension unseres Denkens gewinnen, ganz im Gegensatz zur Welt, im diametralen Gegensatz zum üblichen Denken der Menschen.

Es gibt Fragen, die da lauten: Warum hat der Herr immer nur je einzelne unter so vielen geheilt? Es gab Tausende von Aussätzigen; warum hat er nur wenige geheilt? Es gab viele Entschlafene; warum hat er nur drei erweckt? Es gab soviel Not und Krankheit; warum immer nur einzelne, die Er herausgenommen hat? Er ist eben nicht gekommen, um das Leid von dieser Erde zu verbannen. Er ist eben nicht gekommen, um die Menschen von ihrem Leiden, von ihren Krankheiten zu erlösen. Er ist eben nicht gekommen, um eine „bessere, eine glücklichere Menschheit“ zu schaffen. Sondern Er ist gekommen Deinetwegen, wegen Dir, nur wegen Dir, um Dich herauszuholen und heraus zurufen.

Und jeder Bericht über eine Heilung, eine Befreiung von Besessenheit, über eine Erweckung meint Dich. Du bist angeredet, Dir wird die große Chance eröffnet, Dir wird das Angebot gemacht. Du sollst herausgerufen werden aus der Waagerechten hinein in die Senkrechte. Es ist unvorstellbar und lächerlich, dass der Herr eine Organisation gegründet hätte, um möglichst viele – am besten alle – Leidtragenden, Beladenen zu heilen und ihnen eine bessere Lebensqualität zu vermitteln. Mit solchen Vorstellungen und Zielsetzungen hat der Herr nichts, nicht im entferntesten etwas zu tun. Er will keine bessere Welt. Er will keine moralischere Menschheit. Er will keine wohnlichere, humanere Erde. Darum ist er nicht gekommen. Er ist Deinetwegen gekommen, nur Deinetwegen, um Dich heraus zurufen zu Sich in Dich hinein. Das ist der Sinn Seines Angebotes. Immer nur den einzelnen, eben Dich

Das ist das Herrliche, das Neue, die neue Dimension. Es ist eine Last, eine Krankheit, daß in unseren Reihen nach rechts und links geschaut wird. Der Herr hat es doch so deutlich, so über deutlich gesagt, und man lese doch sehr genau die hl. Schrift, eben besonders die Evangelien, besonders Johannes. Er erwählt den Simon, Er bestätigt die Erwählung: „Weide meine Lämmer!“ Aber Petrus dreht sich um – dieses typische Sich-Umschauen, nach rechts und links, nach vorn und hinten schauen, das der Herr verbietet, das der wahren Liebe im Wege steht –, er schaut auf Johannes: „Was aber ist mit diesem da?“ Immer wieder erleben wir dies in den Gemeinden, wohinter auch eben ein falscher Begriff steckt, eine falsche Vorstellung.

Wenn in der Apostelgeschichte und in den Apostelbriefen von „Gemeinde“ die Rede ist, dann ist damit nur gesagt „eine örtliche Beziehung“. Hier in Galatien, in Korinth, in Philippi ist der Herr da. Da ist Kirche, weil Christus mit seinem Anspruch sichtbar, hörbar, wahrnehmbar zugegen ist und sich dort dieser und dieser je einzelne Ihm öffnet. Das ist die Gegebenheit der Gemeinde: eine Beziehung von Du zu Du und Du in Du.

„Aber was ist mit diesem da?“ – Antwort des Herrn: „Was geht das dich an!“ „Da sieh mal an, was die für ein Leben führen. Die gehen ja zur Kommunion. Dass das der Pfarrer zulässt, diese Leute zur Kommunion gehen zu lassen.“ – Antwort des Herrn: „Was geht das dich an?“ Die leben so; die leben so: weg mit der moralischen Kategorie aus unserem Bewusstsein! Christus ist nicht gekommen, um uns moralisch aufzubessern. Christus ist nicht gekommen, um uns zu moralischen Menschen zu machen, um uns moralisch aufzustocken.

Er denkt gar nicht daran! Erst wenn wir dieses moralische Denken aus unserem Geist verbannen, haben wir die Chance, unendlich moralischer zu werden als diejenigen, die als Befehlsempfänger nur auf den Wortlaut der Gebote schauen und meinen: Was muss ich tun, darf ich das tun, muss ich das tun, was ist verboten, was ist erlaubt? Das ist Knechtesinn. Diesen Sinn auszutreiben ist Christus gekommen. „Bin ich besser, ist der besser, lebt der moralischer, jener moralischer, und der lebt in der öffentlichen Sünde und, und,“

„Was geht das Dich an. Du folge mir nach!“ Du bist gemeint! Du kommst in die Senkrechte; da hört das nach rechts und links, nach hinten und vorne Schauen auf. Und erst wenn Du dies begriffen hast, statt des ES einer moralischen Verhaltensweise, statt der sächlichen Dimension kommt jetzt die personalen Dimension, das DU zu DU, Liebe – gib Dich hin, öffne Dich, sage JA; und dann tu, was Du willst. Du wirst dann automatisch unendlich moralischer handeln, ganz von selbst.

Du wirst aber sehr unzufrieden sein mit Deinem Einsatz. Du wirst ihn für nichts achten, weil die Liebe keine Zufriedenheit kennt und weil die Liebe kein GENUG kennt und weil die Liebe kein gutes Gewissen kennt als sanftes Ruhekissen. Die Liebe kennt nur die unendliche Erbarmung des Geliebten, das grenzenlose Vertrauen in den Geliebten, dem sie sich hingibt. Ich bin ganz in meinem Geliebten, und mein Geliebter ist mein, Er, der mich liebt, da atme ich neu, da finde ich mich neu, da bin ich erhoben, angenommen, da finde ich ein neues Selbst in Ihm, durch Ihn; da atme ich ein neues heiliges, stolzes, demütig stolzes Selbstbewußtsein, das Selbstbewußtsein, das sich eben empfängt, ein ICH, das aus dem DU stammt, mit dem Er mich anredet und herausweckt aus allen Verflochtenheiten der waagerechten Dimension.

Du bist gemeint. Und erst wenn Du dies begriffen hast und nicht mehr nach rechts und links nach moralischen Gegebenheiten fragst und vergleichst und geheimen Neid in Dir hegst und geheime Rachsucht in Dir hegst, da eröffnet sich erst die Möglichkeit der wahren Liebe. Dann kann sie erst erblühen unter solchen, die jeweils als Einzelne und Einsame Ihn gefunden haben und sich Ihm hingeben und Ihn vor ihr geistiges Angesicht bekommen; da auf einmal ergibt sich das große Verlangen, dem je Begegnenden die Tür zu öffnen, um in die Senkrechte hineinzusteigen; nicht das Bestreben, möglichst viele in vergleichbarem Maße gerecht zu behandeln, gleich zu behandeln – das sind Begriffe, die dem Neuen Testament völlig fremd sind; dafür interessiert sich Christus überhaupt nicht –, sondern daß Du hinaufgehoben wirst ins Du zu DU und DU in DU.

Und daraus ergibt sich die wahre, fraglose, bedingungslose, vorurteilslose, zwecklose, unvoreingenommene Liebe. Erst wenn der Einzelne sich herauslösen lässt und kein Nebeneinander mehr kennt und kein Außerdem und kein Miteinander und kein Und, kein Hintereinander und kein Voreinander, sondern nur das Ineinander in der Senkrechten, da erblüht von selbst, nicht arrangiert, nicht gemacht durch irgendwelche Mätzchen und Gemeinschaftsarrangements und das gottverhaßte Miteinander – diese große Ehrfurcht zueinander, ineinander. Das ist immer dies eine und immer dies, der je Einzelne. Und das bist eben Du und nur Du. Und was ich immer wiederhole: Du wirst zu einem riesigen NUR, und nur wenn Du NUR wirst, wirst Du zur Liebe fähig, weil Du dann auch im je Begegnenden das große NUR ehrfürchtig erkennst und bestaunst im Schweigen der Hingabe, des für Ihn, zu Ihm hin und in Ihm Seins.

Alles Aufzählen, alles Vergleichen, alles, was sich zwischen rechts und links begibt: dies zu überwinden, dies vergessen zu lassen, dies hinter uns zu lassen als das Gemeine, dazu ist Christus gekommen, und Seine Gerechtigkeit hat mit verteilender Gerechtigkeit überhaupt nichts zu tun, sondern es ist das Aufgerichtet-sein in die Lotrechte der personalen IN-Beziehung, des IN-Leidens, des Drinnen-seins, des DU in DU, was mit dem Gleichnis vom stillen Kämmerlein gemeint ist.

Da haben wir es wieder. Da ist es denn wieder von Satz zu Satz, von Begebenheit zu Begebenheit; von Szene zu Szene erleben wir dies, immer wieder dies und nur dies: das stille Kämmerlein, woraus alles erfließt, was Wert hat. Und alles hat nur in soweit Wert, als es aus dem stillen Kämmerlein erfließt. Da wird es Geist, da wird es Anbetung, da wird es Hingabe, da wird es Erleuchtung und Erlösung. „Siehe, Ich mache alles neu.“

Pfarrer Hans Milch, 1985

Gott allein sollst du dienen

Fastenhirtenbrief 2011 „Gott allein sollst du dienen“ (Mt 4, 10)

Bischof Karl-Heinz Wiesemann

von Bischof Karl-Heinz Wiesemann

1. Die Gottes-Versuchung

Was verbinden Sie, liebe Schwestern und Brüder, wenn Sie das Wort „Versuchung“ hören? Ich habe das Internet einmal suchen lassen. Das erste, was mir unter dem Stichwort präsentiert wurde, lautete: „Versuchungen muss man nachgeben; man weiß nicht, ob sie wiederkommen.“ Ein Zitat des Schriftstellers Oscar Wilde. In dem Evangelienbericht von den Versuchungen Jesu in der Wüste, den wir jedes Jahr zu Beginn der österlichen Bußzeit hören, geht es nicht um die kleineren und größeren Verführungen sinnlicher Art, die uns unter dem Stichwort zumeist in den Sinn kommen. Sie erscheinen dem Teufel offenkundig genauso banal zu sein wie Jesus, der all dem schon vierzig Tage im Wüstensand standgehalten hat. Nein, hier geht es um die Versuchung schlechthin, die sich dann in all den vielen Versuchungen widerspiegelt und ausreizt: Das ist die Versuchung, Hand an die Wirklichkeit Gottes zu legen und Gott beiseite zu schieben, um, wie Papst Benedikt in seinem Jesus-Buch ausführt, „die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, … nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anzuerkennen und Gott als Illusion beiseite zu lassen.“ (Joseph Ratzinger – Benedikt XVI, Jesus von Nazareth. Erster Teil, Freiburg 2007, 57)
Kurzum: Es geht um das Alles oder Nichts der Gottesfrage. Ein bisschen Gott gibt es nicht, wie es auch nicht ein bisschen Menschenwürde gibt. Es geht um die Anmaßung, sich Gott verfügbar zu machen, um dann von der Welt aus beliebig eigene „Wahrheiten“ formulieren zu können, Herr sein zu können über Leben und Tod, und die Grenzen nach eigenem Interesse flexibel verschieben zu können. Dann ist alles nur noch ein Machtspiel dieser Welt. Wer will da schon dem Mainstream hinterherhinken? Von dieser einen Versuchung hängt alles andere ab.
Jesus lässt sich hier auf kein längeres Gespräch ein. Drei Zitate aus der Schrift setzt er den drei Anläufen des Versuchers entgegen, drei Worte, die die absolute Souveränität Gottes sofort wiederherstellen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ – „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ – Und schließlich: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ (Mt 4, 4.7.10)
Liebe Schwestern und Brüder, das ist die entscheidende Versuchung, die uns alle angeht: Lassen wir Gott wirklich Gott sein in seiner souveränen Freiheit, oder versuchen wir, ihn uns und unserer Welt gefügig zu machen, damit wir uns nicht wirklich ändern müssen?

2. Umkehr und Erneuerung der Kirche

Es ist in diesen Wochen viel von einem Neuanfang in der Kirche die Rede. Ja, wir brauchen wirklich einen solchen geistlichen, ermutigenden und befreienden neuen Aufbruch. Der beginnt nach dem Zeugnis des Evangeliums immer mit der Umkehr und der radikalen Hinwendung zu Gott. Das verlangt eine große Ehrlichkeit auf allen Ebenen der Kirche. Wir müssen uns auch dem Versagen in der Kirche, so bitter es in vielen Bereichen ist, aufrichtig stellen.
Das heutige Evangelium zeigt, wie Jesus vor dem Beginn seines öffentlichen Wirkens vom Geist Gottes in die Einsamkeit der Wüste getrieben wird. In der Erfahrung des Mangels wird er vollständig auf sich selbst und die ihn tragende Gottesbeziehung zurückgeworfen. Nur was hier in der Bewährung Bestand hat, kann später auch Frucht bringen. Jesus weiß, dass der Versucher den Augenblick, in dem der Mangel konkret im Hunger spürbar wird, nutzen wird, um seine Plausibilitäten vorzubringen: „Du bist doch der Sohn Gottes, du hast doch die Macht über alles! Wovor hast du Angst? Komm, stürz dich hinunter, die Welt steht dir offen.“
Auch wir erleben heute eine solche Wüstenerfahrung, wir erfahren schmerzhaft den Mangel an Gläubigen und an Berufungen, den Rückgang an finanziellen und materiellen Mitteln. Eine solche Zeit kann auch für uns eine Zeit der Neubesinnung auf das sein, was wirklich trägt, eine Zeit nicht nur des Mangels, sondern auch des Heils.
Ich höre immer wieder eine große Frustration aus vielen, vor allem älteren Katholiken, denen die Zeit um das Konzil und die Würzburger Synode noch lebendig vor Augen steht. Vierzig Jahre habe man nun schon immer dieselben Lösungsvorschläge diskutiert, und nichts habe sich getan. Aber: Haben wir uns in diesen vierzig Jahren wirklich dem Mangel konsequent geistlich gestellt und auf ihn geantwortet mit den uns als Gottesvolk gegebenen Mitteln der ganzen, leidenschaftlichen Hinwendung zu Gott im persönlichen Gebet, im Gottesdienst, in der tätigen Liebe? Ist wirklich ein Sturm des Gebetes und der Umkehr zu Gott hin durch unsere Kirchen gegangen? Als ich am Anfang meines Wirkens hier zu einer besonderen Zeit des Gebetes um Berufungen eingeladen habe, wohlgemerkt um Berufungen in der ganzen Breite unseres christlichen und kirchlichen Lebens, bekam ich mehrfach die Antwort: Was soll das Gebet, ändern Sie doch einfach die Zulassungsbedingungen zum Amt! Das hat mich sehr erschüttert. Eine Kirche, die nicht mehr betet, sondern nur fordert, dient zu nichts. Sie hat vergessen, wofür sie da ist und gerät daher bei der ersten Versuchung in Verwirrung. Dann meint man, eine Großtat des Glaubens vollbracht zu haben, wenn man Steine zu Brot erklärt. Man meint Freiheit zu gewinnen durch Weltanpassung. In Wahrheit ist das der Weg, sich selbst aufzuheben. Die katholische Kirche kann von ihrem eingestifteten Wesen diesen Weg nicht mitgehen.

3. Versöhnung im Sakrament der Buße

Wie das Volk Israel so ist auch das Volk Gottes im Neuen Bund ganz auf Gott hin ausgerichtet und lebt „von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ Zeiten, in denen man meinte, sich in der Welt einrichten zu können, haben immer zu Verfallserscheinungen geführt mit der nicht geringen Gefahr von Zerwürfnissen und Spaltungen. Deshalb ist die gegenwärtige Stunde eine große Herausforderung an uns alle. Wir müssen uns trotz aller Unterschiedlichkeit gemeinsam auf einen geistlichen Weg begeben. Das ist ein Weg des Gebetes und des Gespräches, der Ehrlichkeit und Offenheit füreinander im gemeinsamen Hören auf das Wort des Herrn und in der erneuten Intensivierung des Empfangs der Sakramente. Es ist an der Zeit, wirklich ernst mit Gott zu machen! Wenn wir nicht nur Selbstgerechtigkeiten gegenseitig austauschen wollen, dann kann ein solcher Prozess nicht gelingen ohne Erneuerung der Buße und des Sakramentes der Versöhnung. Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, warum diese Dimension, die die ganze Heilige Schrift durchzieht, so weitgehend aus unserem Bewusstsein und unserer kirchlichen Wirklichkeit verschwunden ist. Das kann nicht nur an einer früheren Überbetonung des strafenden Gottes und an entsprechenden negativen Beichterfahrungen liegen, die es sicherlich gegeben hat und die leider nie vollkommen auszuschließen sind. Ich bin davon überzeugt, dass wir neu den Mut finden müssen, uns ganz Gott anzuvertrauen mithilfe des priesterlichen Versöhnungsdienstes. Wenn wir nicht verhärtet und verbittert werden wollen, brauchen wir die befreiende Erfahrung der Versöhnung. Wir Bischöfe wollen eine solche Bitte um Vergebung und Versöhnung am Anfang unserer diesjährigen Frühjahrkonferenz vor Gottes Angesicht tragen.

4. Zeugnis und Gebet

Liebe Schwestern und Brüder, es ist wahr: Die Kirche bedarf einer tiefen Erneuerung. Dabei müssen wir uns davor hüten, uns gegenseitig zu dämonisieren. Ich weiß um die große Liebe zur Kirche und um die Ernsthaftigkeit vieler, die heute kritische und provokante Fragen an die gegenwärtige Wirklichkeit der Kirche stellen. Rein restaurative Tendenzen, die nur Äußerlichkeiten wiederherstellen wollen, sich aber keiner geistlichen Kritik unterziehen und so Gefahr laufen, blind für das Faule im Innern zu sein, führen nicht weiter. Kritische Anstöße von außen wie von innen sind, wenn ihnen wirklich etwas am Glauben und an der Kirche liegt, wichtig und wertvoll. Unsere gemeinsame, unersetzbare Aufgabe ist es aber, sie geistlich vor Gott zu überdenken im Licht des geoffenbarten und durch die Kirche überlieferten Glaubens. Unsere Aufgabe ist es, in allem die Gottesfrage zu stellen. Kritik alleine macht noch keinen Zeugen aus. Wer heute ganz konkret für Gott Zeugnis ablegt und dabei nicht nur wohlfeile Dinge verkündet, der wagt sehr viel. Die Glaubwürdigkeit der Kritik ist an diesem Wagnis zu bemessen. Daher brauchen wir vor allem das Gebet, die gemeinsame Ausrichtung auf den lebendigen Gott. Denn wir müssen endlich aus dem reinen Binnenkreislauf unserer innerkirchlichen Debatte heraus, indem wir das große Gemeinsame wieder verspüren, das uns miteinander verbindet, das Kostbare der Botschaft Jesu und seiner Sakramente, die uns anvertraut sind, die vielen Charismen, die uns geschenkt sind und das ermutigende Zeugnis von so vielen Menschen in unserer Zeit, die sich für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzen. Wir haben einen unersetzbaren Auftrag für die Menschen unserer Zeit.

5. Zölibat und Ehe

Die entscheidende Frage ist daher nicht die Kirchenfrage, sondern die Gottesfrage. Aber die Kirche steht und fällt mit der ungeteilten Ausrichtung auf Gott. Mich persönlich hat ein Ausspruch der heiligen Therese von Avila immer besonders berührt: „Gott ist so groß, dass es wohl wert ist, ihm ein Leben lang zu dienen.“ Dieser Spruch stand schon auf meiner Primizkerze. Daher will ich noch ein Wort zum immer wieder diskutierten Zölibat sagen. Der Zölibat unserer Priester ist gerade in unserer Zeit ein ungemein wichtiges, wenn auch aneckendes Zeichen, dass Gott nicht nur eine Projektion, sondern die Wirklichkeit schlechthin ist, und man für ihn wirklich alles hingeben kann. Es tut vielen Priestern und mir als Bischof weh, wenn wir hören müssen, wie abschätzig manchmal auch in kirchlichen Kreisen von diesem Charisma gesprochen wird. Natürlich war und ist diese Lebensform nicht einfach zu leben. Mir sind auch die an dem Ideal Gescheiterten nicht gleichgültig. Im Gegenteil, es wird eine zentrale Aufgabe für die Zukunft sein, auf allen Ebenen sensibler mit dem Scheitern von Menschen umzugehen. Hier sehe ich einen notwendigen ehrlichen Austausch und eine drängende pastorale Aufgabe vor uns.
Letztlich hängen Zölibat und Ehe in unserer Zeit geradezu schicksalhaft zusammen. Wo der Glaube an die lebendige Wirklichkeit Gottes verdunstet, da verschwinden alle Formen von Treue und Bindung, die den Einsatz des Lebens kosten und daher so wertvoll sind, im Dschungel der Erwartungen, Ansprüche, unvermeidlichen Enttäuschungen und Versuchungen. Die ständige Verunsicherung junger Menschen, die sich auf den Weg der ungeteilten Christus-Nachfolge begeben wollen, kann nicht dazu beitragen, den geistlichen Mangel in unserer Kirche zu beheben. Ähnliches gilt auch für die Ehen und Familien: Ihre Situation in unserer Gesellschaft kann nur verbessert werden, wenn wir die Treuen bestärken und ermutigen.

6. Eucharistische Anbetung und geistlicher Dialog

Liebe Schwestern und Brüder, die letzte Antwort Jesu auf den Versucher besteht in der Anbetung Gottes: „Vor dem Herrn sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ Wir brauchen Begleitung und Durchdringung des Dialog- und Reformprozesses in unserer Kirche durch die betende Gemeinde. Ich glaube, Vieles kann fruchtbar werden, wenn es aus dem Geist der Anbetung heraus geschieht. Dazu ist uns insbesondere die eucharistische Anbetung geschenkt. Wir vereinen uns mit der Ganzhingabe Jesus Christi an den Vater im Himmel. Wir lernen neu das Vertrauen, von Gott alles erhoffen und erbitten zu können. Ich bin überzeugt, dass die eucharistische Anbetung ein wichtiges Heilmittel für unsere Zeit sein kann und wünsche mir, dass sie in allen Gemeinden, und sei es durch eine kleine Gruppe von Betern, gepflegt wird.
Liebe Schwestern und Brüder, treten wir mit großer Zuversicht miteinander in einen geistlichen Dialog der Erneuerung, in dem wir offen und wahrhaftig um die Zukunft unserer Kirche ringen. Dazu sind im Anschluss an den Hirtenbrief einige Fragen und Anregungen formuliert, die helfen sollen, in den Gemeinden, Verbänden, geistlichen Gemeinschaften und unterschiedlichen Gruppen miteinander ins Gespräch zu kommen, damit wir unsere Pastoral 2015 mit missionarischem Geist füllen können.
Ich bin voll Zuversicht, dass Gott uns gerade in diesem geistlichen Jahr neue Freude und Kraft schenken wird. Ich wünsche Ihnen eine heilsame Fastenzeit in der Freude der österlichen Hoffnung. Dazu segne Sie und Ihre Familien der Vater, der Sohn und der Heilige Geist,

Ihr Bischof + Karl-Heinz Wiesemann

Der Hirtenbrief im pdf-Format

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Misstrauen der Apostel gegen den hl. Paulus

Es gilt alles zu lesen. Die ganze heilige Schrift, die Briefe des hl. Paulus. Wir haben aus dem Brief an die Galater gehört. Da war eine große Krise. Die große Krise kam daher, dass die Apostel immer mit einem gewissen Gefühl des Unbehagens Paulus empfanden. Der hl. Paulus war ihnen nicht geheuer.
Wie sagt Lord Balfour: „Die Talente fasst ein Grauen, wenn ein Genie in ihre Mitte tritt“. Das ist immer so. Dieser Paulus – Woher kam er? – Warum bezeichnet er sich als Apostel? Petrus hat ihn angenommen – Gewiss, und er hat sich dem Petrus unterstellt. Aber soweit noch nicht ganz so gut. Denn er breitete aus das Christentum, und nicht nur räumlich sondern auch den Inhalten nach, erschloss er das Wesen der Erlösung und des Gottmenschentums.
Und dann sandte man doch ein paar Spitzel nach ihm. Was erzählt dieser der Paulus den Leuten. Was predigt er den Gemeinden, die er gegründet hat. Und so trippelten sie auch schnell hinterher, gesandt von den Aposteln. Die übrigens, der hl. Paulus an einer anderen Stelle sarkastisch „Überapostel“ nennt. Da ist so einer, der Fußnoten schreibt, der beschwichtigend bemerkt, da hätten sich so (falsche) Apostel eingeschlichen, die würde der hl. Paulus so bezeichnen. Stimmt nicht, damit sind durchaus die Apostel in Jerusalem gemeint: Petrus, Jakobus, der Jüngere usw.
Die schickten dann welche nach, die denen dann erzählten: Halt mal, was der Paulus euch da erzählt, das dürft ihr so nicht annehmen, so geht’s nicht. Ihr müsst das ganze Gesetz des Moses annehmen. Ihr müsst euch beschneiden lassen und alle Einzelheiten der Vorschriften auf euch anwenden.
Die Leute hörten das ja gar nicht so ungern. Im Grunde kam das denen zupas. Man muss immer unterscheiden zwischen den Leuten und DEM MENSCHEN. Der Mensch ist etwas Großes und zu Größtem berufen. Aber die Leute? Die Leute wollen gerne wissen was sie zu tun haben. Sie wollen genau gesagt bekommen: „Das und das hat du zu machen“. Und wenn Sie dann gemacht haben dann legen sie sich schlafen: „meine Seele geht zur Ruhe. Du hast deine Pflicht erfüllt“. Dann gehen sie zurück zu ihrem innerweltleichen Feierabend, der waagrechten Dimension und ruhen sich auf dem guten Gewissen aus.
Sie haben das und das gemacht; sie haben, sie besitzen. Der Unterschied zwischen Haben und Sein, den ein französischer Differenzialphilosoph so treffend kennzeichnet. Haben immer wieder haben. Wir sind in Besitz: „Wir haben ja unseren Glauben, wir haben ja unsere Messe. Wir haben ja Dies und jenes getan“. Aber – das gilt nicht (im Christentum).
Können sie sich vorstellen, eine Verliebte und ein Verliebter, die sich beruhigt von dannen wenden: „Ich habe fünfmal geküsst und zehnmal liebkost, meine Seele geht zur Ruhe, du hat deine Pflicht getan. Jetzt hast du ein gutes Gewissen“ – Absurd.
Aber eben so absurd ist eben die Einstellung, die da pflicht- erfüllend darauf aus ist zu wissen was zu tun ist. Herr Pfarrer sagen sie mir, was zu tun ist oder man will doch etwas von der Predigt nach Hause nehmen. Die berühmte Nutzanwendung damit man weiß, was man zu machen hat, denn man will es ja richtig machen. Das ist alles so in der Denkkategorie, in der Mentalität des Habens. Das gute Gewissen haben wollen, das ist Knechtesdienst, das ist der Gesetzesdienst dieser Welt.
Der Großinquisitor sagt zu Christus in der berühmten Legende der Brüder Karamasov, von Dostojewski: „Komm nicht und verdirbt uns nicht die Gemütlichkeit. Warum überforderst Du die Leute. Die wollen ja gar keine Freiheit. Sie wollen mittraben, sie wollen in der Herde laufen. Wir haben den Leuten einen Gefallen getan. Wir haben mitgefühlt mit den Leuten. [..] Aber Du kommst da mit deiner Freiheit, mit deiner Erweckung des Menschen und überforderst sie“. Und diese Einstellung des Großinquisitors die finden wir halt wenn gesagt wird: „das soll man den Leuten nicht predigen, das überfordert die Leute, für die Leute genügt’s ja, wenn sie anständig sind und die Gebote erfüllen, nur den Leuten nicht so viel zumuten“. Schön in der Herde traben lassen.
(Genau) das hat ja den Progressivsten die Hasen in die Küche getrieben. Wenn man den Leuten jetzt sagt: „Jetzt kommt endlich die große Freiheit, jetzt kommt endlich die Vertiefung, jetzt kommt die wahre Erlösungsbotschaft. Und nach Jahrhunderten bedrückender und falscher seelsorglicher Praxis verfielen die Leute der Illusion jetzt kommt’s endlich und auf dem Vehikel der Illusion kam die Zerstörung der Fundamente und der Substanz. Das ist die Tragik.
Und aus dem ergibt sich selbstverständlich, dass man nach Art der jahrhunderte lange Seelsorge unter keinen Umständen weitermachen darf. Sondern hirnfähig, den Menschen zumuten muss die Liebe, das Verschworensein, dass er (der Mensch) Christus gehört und er weis er (Christus) will von mir nichts, sondern mich will er und will von ihm auch nichts sondern ihn.
Dieses Du zu Du und Du in Du – das ist die Dimension des Christlichen. DAS.
Das sind wie gesagt die Leute, die Gallater. Und die Gallater hörten das rechts gerne, das und das müsst ihr tun und dann geht alles in Ordnung, weil ihr das und das getan habt. Das ist eben falsch. Das ist weltliche Sklavenmentalität und hat mit Christus nichts zu tun.
Und wenn da einer kommt: „ja aber es heißt doch: Ich war nackt und du hast mich bekleidet, ich war hungrig und du hast mich gespeist“. Das ist etwas ganz anderes. Das ist das was sich ergibt aus der Hingabe. Aus der großen Liebe. Da ergibt sich Ungeheueres. Das ist das Kennzeichen, der Ausweis, dass man sich selber verlieren will in ihm.
Paulus hört selbstverständlich von den Machenschaften der Judenchristen und schreibt ihnen einen gesalzenen Brief „Ihr seid verrückt geworden, was ist mit euch los? Wenn ihr durch das Gesetz und durch die Erfüllung des Gesetzes gerecht werdet dann ist Christus umsonst gestorben. Laßt euch nicht irre machen ihr waret gut im Lauf. Wenn aber einer kommt und wäre es ein Engel vom Himmel und brächte etwas anderes vor als was ich euch predige – er sei verflucht.“
Das ist so gar nicht demütig. Das Wörtchen Demut das wird gerne missbraucht. Als Narkotikum, als Beruhigungsmittel um den Leuten einzureden auf ihrer Schmalspur reite der heilige Geist. Dafür wird das Wörtchen Demut als billige Münze verpasst.
Nein, das Gesetz ist im doppelten Sinne des Wortes aufgehoben. Nicht aufgelöst. Nicht widerrufen, sondern aufgehoben. Der mündig Gewordene ist auf der Seite des Gesetzgebers. Er übernimmt die Interessen des Gesetzgebers. Er ist nicht mehr der Befehlsempfänger, sondern derjenige der das will was der Gesetzgeber will und es sich zu Eigen macht. Eins ist mit dem Gesetzgeber und so erwacht ist in seiner Freiheit und so gerechtfertigt aus der Waagrechten in die Senkrechte, empor gerufen und auferweckt. Der Mensch.
Aus Angst Viele zu verlieren, hat man es allzu bequem und billig gemacht. Sich und den Anvertrauten. Nein, es gibt keine Dispens von der Freiheit, von der der heilige Paulus immer wieder spricht. Für die Freiheit hat euch Christus befreit. Selbstverständlich die Freiheit, die sich aus der höchsten Bindung ergibt. Aus der totalsten Verbindlichkeit ergibt.
Und nun kommt Christus. Es ist keine Wunder, dass er gesetzt ist zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel. [..] Zum Zeichen, dem man widersprechen wird. Aber deine eigene Seele wird ein Schwert durchbohren. Das folgt daraus, der Unbequeme kommt. Der große Liebende. Auf ihn und auf sein Wort einzugehen ist herrlich, unsagbar schön. Aber unbequem, sehr unbequem und erfordert Denken, Entfaltung des Denkens, Mitteilung des Denkens. Es lässt keine Ruhe. Aber es ist eine herrliche, beglückende, befreiende Unruhe. Das ist Christus.
Wie also eins werden mit ihr. Von dem am Anfang die Rede ist aus dem Buche der Weisheit. Der Introitus fängt so an: „Tiefstes Schweigen hielt alles umfangen. Die Nacht hat in ihrem Lauf die Mitte ihres Weges erreicht. Da kam oh Herr aus dem Himmel vom Königthrone herab dein allmächtiges Wort.“ Das nächtige Schweigen, das Allumfangende, das ist Maria. Ins Schweigen hinein kommt das Wort und lässt sich nieder in das nächtige Schweigen.
Das ist der Ort des Betens. Nicht der endlos kollektiv daher redende, knatternde und ratternde sondern der der ins den Schoß eingeht, in sein ureigenes Geheimnis. In seine Nacht, in seine Stille, da kehrt ER ein. Das ganze Dasein steht von nun an im Zeichen dieser unbedingten Verschworenheit. Und es ist wunderschön. Das ist das Neue: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“

Pfarrer Hans Milch, 1983