Zum Advent

Einige Gedanken kurz vor dem Fest der Erlösung. Das Wort das Herrn erging an Johannes in der Wüste. Wüste heißt Offenheit, für Gott offen sein, für Ihn sich leer machen, ohne Ablenkung, ohne Vielerlei, ohne Wechsel der Erscheinung. „In die Wüste gehen“ heißt zu sich selbst gehen – der tiefste Sinn dessen, was das Wort „Wüstenväter“ beinhaltet.

Nach den großen, ekstatischen Martyrien, da die großen Bekenner sich hingaben dem Rachen der Löwen und den malmenden Zähnen der Bestien, dem Schwerte und dem Kreuz, schon hinübergehoben über alle Grenzen, als die Zeit der Verfolgung vorbei war, da brannte in den Herzen der Ergriffensten das Verlangen nach dem anderen Martyrium, jenseits der Erscheinungen zu leben, jenseits jeglicher Zerstreuung, jenseits des Irdischen schon den heißersehnten Liebestod vor dem körperlichen Hinscheiden zu erfahren. Darum gingen sie in die Wüste, um den Tod vorwegzunehmen, um schon jenseits des Jordan zu wohnen, wo Johannes taufte. So heißt es ja an anderer Stelle: „Dies aber geschah zu Bethanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte“ – jenseits des Jordan: Eben drüben, am anderen Ufer in der Wüste, jenseits des Getriebes, jenseits von Gesellschaft und Geselligkeit, jenseits der vielen Worte, jenseits des Vielerlei, ins eine hineingehen, was not tut.

Denn „Buße“ heißt ja „Einerlei“. Da ist nur das eine und immer gleiche zu sehen: der gewölkte, flammende Himmel der Nacht, der ja in der thebaischen Wüste ganz besonders niedrig hängt – auch in der Wüste, in die der hl. Johannes der Täufer hineinging – und tagsüber der freie Himmel, unter dessen Dach ungeschützt, barhäuptig der einzelne sich dem Anspruch Gottes preisgab. Rechts und links war nichts zu finden. Weite Horizonte, aber sprachloser Sand, Armut des Geistes: das ist in der Wüste garantiert und mit der Wüste gemeint und gesichert. Die Wüste ist gleichsam ein wirksames Sinnbild, ein sakramentales Zeichen für die Armut des Geistes. Weit ausgespannt, Sand, gleiche Farbe.

Und da ergeht das Wort des Herrn an dich, in deiner Einsamkeit. Einsamkeit und Wüste ist dasselbe. Wenn du das Wort des Herrn an dich vernehmen willst, also dein Wort hören willst, dein Dasein – Dein Sein ist ja das Wort des Herrn. Du bist ja identisch mit Ihm, also Sein Wort. Im tiefsten ist mit dem Gleichnis vom Samen, der in die Erde fällt und stirbt, um Frucht zu bringen, gemeint der Mensch. Jeder Mensch ist Wort, ist Gedanke Gottes. Und dieses Wort fällt in die Erde. Aber die Erde ist Gott, die gepflügte Erde Christus, der Zermalmte, Geschlagene, Zerschundene und Zerfurchte, der Sich öffnet, weit auftut als blutende Wunde, damit der Mensch, der Same, das Gotteswort hineinfallen kann, um Frucht zu bringen für und für. Der Mensch ist Wort Gottes. Aber das, was er selber ist, vernimmt er, wenn er sich fallenläßt in die gute Erde, in Christus.

Und dieses Sich-Fallenlassen in die gute Erde geschieht eben in der Einsamkeit. Ob es eine Zelle ist zwischen vier kahlen Wänden, oder wo es auch sein mag: dort erfährst du dich als Sein Wort und weißt: „Ich bin Wort des Herrn und habe eine Sendung.“ Aber das, was ich bin, muß ich hören von dem, der in meine Stille hineinspricht. Denn ich bin nicht allein – im üblichen Sinne des Wortes – Er ist immer dabei. Je einsamer ich bin, um so weniger bin ich es im Grunde; denn da ist der Andere am Zug, der Eine und Einzige, der meine Einsamkeit durchbricht, der mich wahrhaft Verstehende, der durch alle Krusten und Schalen, Verstellungen und Verfälschungen Hindurchschauende, Hindurchschreitende, Hindurchbrechende, der in meine Innenmitte hineinstößt, um sie herauszuwecken aus den Verwicklungen der Zufälle. Damit ich ganz zu mir selbst komme, muß Er kommen; denn Er ist mein wahres ICH. Und dort, wo ich ganz ICH bin, dort mündet mein Dasein ins ewige Sein, in den Gedanken, den Gott von mir denkt, dort wo Gott mich ausspricht und meine Bestimmung sagt.

Das ist heute so selten geworden, so unsagbar selten, so bedrohlich, so schicksalhaft selten. Diese Seltenheit hängt über uns wie ein Damoklesschwert, zum Mord bereit und zur Zerstörung. Denn diese Seltenheit ist Satans Waffe Ganz sehen geschieht es, daß einer zu sich selber kommt, damit das Wort des Herrn an ihn ergeht in der Wüste.

Wüste kann auch anders verstanden werden, in einem ganz negativen Sinne: im Sinne von Zerstörung, im Sinne von Einebnung und Gleichmacherei. Wüste im negativen Sinne des Wortes, im Sinne von Verwüstung ist dort gegeben, wo der einzelne nicht mehr er selber ist, sondern ein X oder ein Y, selber ein Zufall, irgendeiner unter anderen, neben anderen, mit anderen, wie andere behandelt wird, alle sind gleich. Dort ist Wüste im Sinne von Verwüstung. Die freilich wuchert. Die breitet sich aus. „Die Wüste wächst“, sagt Nietzsche. „Wehe dem, der Wüsten birgt.“ Das ist die böse Wüste. „Wehe dem, der Wüsten birgt“ – der in sich selber die Verwüstung und die Einebnung, die Planierung duldet und als angenehm empfindet, irgendeiner unter anderen zu sein, mit anderen. „Ich will kein Besonderer, kein Einmaliger sein, sondern ich will einer neben anderen sein“, wie es in dem Nazilied heißt: „Einer steht dem anderen bei – neben.“ – Das ist sehr anspruchslos.

Die Anspruchslosigkeit ans eigene Dasein, die Anspruchslosigkeit an die eigene Unverwechselbarkeit, die Anspruchslosigkeit, was die Bedeutung, Wert und Sinn des eigenen Lebens angeht, die breitet sich aus. Es herrscht ein dumpfer, tierischer Anspruch an das, was diese Welt an Genüssen bietet. So sackt der Mensch ab ins Zufällige, ins Vielerlei. Da ist sehr viel Abwechslung. Da ist geradezu eine Abwechslungssucht. Sie findet ihren extremen symbolischen Ausdruck in dem flimmernden, wechselnden Licht – beispielsweise in Diskotheken. Selbst wenn das Licht das gleiche bleibt, kann es schon weithin nicht mehr ertragen werden. Ununterbrochen muß Wechsel geschehen. Aber dieser Wechsel, dieses Varieté, diese Summe von sich ablösenden Zufällen bestätigt nicht etwa die Besonderheit, sondern wirkt das Einerlei.

Genauso wie die zufälligen Erscheinungen immer beschleunigter hervortreten, wie sie in geometrischer Reihe sich türmen und aufstülpen und aufdrängen, Zufall um Zufall. Und jeder einzelne Zufall gleicht dem anderen, wie ein Ei dem anderen gleicht. Nur das ganz Äußerliche, Nichtssagende steht im Zeichen des Wechsels. Je mehr die Bilder einander ablösen und auf ihn einstürmen, um so entleerter wird der einzelne, um so mehr wird er zum Serienfabrikat, zum Verbraucher. Aber der Mensch, der ein Verbraucher ist, angelockt von äußeren Angeboten, voller Anspruch an äußere Angebote, der Verbrauchermensch wird selbst zur Verbrauchermarke, zur Ware. Er wird selber verbraucht. Der Verbrauchende läßt sich verbrauchen. Das ist das Kennzeichen des heutigen Menschen dieser Gesellschaft mitten im Schwall von Krebswucherungen. Und diese Gesellschaft ist selber eine einzige Krebswucherung.

Und wer aus diesem Vielerlei, aus diesem sinnlos girrenden und flirrenden, süchtigmachenden Anspruch, faden, dumpfen Anspruch weckenden Vielerlei der Sucht herausstrebt und in die gute Wüste geht, in seine Wüste, in seine Einsamkeit, der Ablenkung entronnen, der wird wesentlich und vernimmt das Wort des Herrn in der Wüste.

Und dann kommt das Wort von der „Bußtaufe, zur Vergebung der Sünden“. Taufe, die der hl. Johannes der Täufer vollzieht, ist nichts anderes als das Zeichen, daß der Mensch einsieht: „Ich bedarf des Herrn zur Vergebung meiner Sünden.“ Bußtaufe zur Vergebung der Sünden, wie Johannes sie vornimmt, heißt nicht etwa: „Jetzt fang an, und hör auf mit deinen Sünden! Jetzt recke dich auf, und setze dich in Marsch hin zum Herrn!“, sondern genau das Gegenteil: „Sieh ein, daß du nichts vermagst. Tue Buße, kehre um, und laß Ihn kommen! Bereite nicht deinen Weg, sondern Seinen Weg.“

Einzusehen, daß es Sein Weg ist, daß Er kommen muß: das ist die Umkehr, die der hl. Johannes verlangt. „Kehre um vom Wahn, du könntest vor Gott bestehen! Wende dich ab von der Illusion, es läge an deinen Werken, zurechtzukommen und zu bestehen im Gericht! Sieh endlich ein, daß du nichts vermagst, daß du ein Nichts bist! Öffne dich! Gewinne die Armut des Geistes und sag das bräutliche Wort, das erlösende Wort: „Komm! Herr, komm!“, eben das adventliche Wort. Bekehre dich zu deinem Advent!“ Und dein Advent heißt Erwartung. Und der Ankommende ist Er – nicht wie es heute heißt: Das pilgernde Gottesvolk hin zur Wahrheit. Das ist das Antichristliche. Das Christliche heißt: Ihn erwarten. Er muß kommen.

Das heißt „Seinen Weg bereiten“. Und auch dies geschieht eben, wenn der einzelne den Zufällen entflieht und hineingeht in jene Freiheit, die Gott Raum läßt, damit Er zu Wort kommt: „Herr, sprich Dein Wort! Ich will Dich zu Wort kommen und ich will Dich kommen lassen. Sei Du es! Mach Du es! Übernimm Du mich! Gewinn Du Herrschaft über mein ganzes Dasein! Erobere mich! Brich ein! Reiß mich an Dich und in Dich hinein! Sei Du der, der nach mir greift! Hier bin ich. Ich bin bereit. Herr, komm! Du mußt kommen, wenn anders ich nicht zugrunde gehen soll. Komm aus Deiner Freiheit!“ Und Er kommt, nicht weil wir rufen und schreien „Komm!“, sondern weil Er kommen will. Aber wer den Ruf „Komm, Herr!“ aus seinem Innersten herausgestoßen hat, der wird Ihn empfangen. Gott kommt nicht, weil Er weiß, daß Er empfangen wird. Er kommt, weil Er kommen will. Aber Er wird von dem empfangen, der will, daß Er kommt.

Und dieses adventliche „Komm!“, eben jene Bußtat, jene Umwendung: „Halt ein! Hör endlich auf zu gehen!“, wenn du dich in Marsch setzt von Ihm weg, „Bleib stehen, um Seine Nähe zu erfahren! Herr, komm!“, und diese Bußtat des Restes im Menschen, der da schreit „Komm!“, diese Geistestat des „Komm, o Herr!“ vollendet sich in Maria.

„Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach Deinem Wort!“ Das ist der adventliche Aufruf, der an jeden Einzelnen ergeht: „Bekehre dich endlich zu dir selber, denn der Herr will zu dir selber kommen!“ Laß Ihn kommen. Und wenn du Ihn kommen läßt, findest du dich in Ihm und in Seinem Wort den Sinn deines Daseins und deines Seins. Und du selbst wirst dann ein Wort, das wiegt, hineingesprochen in die Verwüstung unserer Tage, in die Vielfalt der Wörter. In die Milliarden Überflüssigkeiten hinein kommt plötzlich ein Gewicht. Wenn auch nur einer sich erhebt und dann mit dem Gewicht Gottes auftritt und aufsteht, vielleicht im Verborgenen, dann werden Katastrophen abgewendet; und ganze Völker werden gerettet, wenn irgendwo einzelne Gewicht gewinnen. Wie wär“s, wenn du zu den ganz wenigen Einzelnen dich zählen könntest, auf die Gott zählen kann, weil Er bei ihnen zu landen vermag.

Pfarrer Hans Milch

St. Nikolaus

Wer ist der heilige Nikolaus?

Der heilige Nikolaus hat im 4. Jahrhundert gelebt und war Bischof von Myra. Er ist Patron der Kinder und wird als Mann verehrt, der Jesus sehr geliebt und den Armen viel Gutes getan hat. Aus diesem Grund passt das Fest des heiligen Nikolaus, das am 6. Dezember gefeiert wird, auch so gut in den Advent.

Die Botschaft von Sankt Nikolaus ist klar: „Habt Jesus lieb und tut Gutes!“

Noch etwas in eigener Sache

„Ich habe da noch einen ziemlich albernen Konkurrenten. Gewöhnlich erkennt man ihn an seiner roten Zipfelmütze und einem langen weißen Bart. Obwohl er mit Weihnachten eigentlich nicht viel zu tun hat, nennt man ihn doch den ‚Weihnachtsmann‘. Hätte ihn nicht im Jahr 1931 die Coca-Cola Company für ihre Werbung entdeckt, würde ihn heute wahrscheinlich kaum jemand kennen. Je mehr aber das Wissen um den christlichen Sinn des Advents und des  Weihnachtsfestes verdunstet und je weniger man mich, den heiligen Nikolaus, kennt, desto mehr feiert der Weihnachtsmann traurige Triumphe als Verkaufsanimator. – Seid so gut, und verwechselt uns nicht!“

 

Aus ‘Ein Geschenk des Himmels’,
von Pater Martin Ramm FSSP und Michael & Dorothea Hageböck
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Rahmen oder Bild

Zu einem schönen Bild gehört ein schöner Rahmen, damit das Bild um so besser zur Geltung kommt. Was aber, wenn man dem Rahmen so viel Aufmerksamkeit schenkt, dass man das Bild gar nicht mehr beachtet und es schließlich sogar ganz vergisst und verliert? Wäre das nicht traurig?

Ist das Weihnachtsfest Rahmen, oder ist es Bild?

Worauf es im Advent ankommt, ist, dass die Liebe Gottes sichtbar in die Welt gekommen ist und als Mensch geboren wurde. Die Geburt Jesu Christi ist das bedeutsamste Ereignis der Weltgeschichte. Leider haben dies viele Menschen vergessen.

Ein Advent und ein Weihnachtfest, bei dem nicht Jesus wirklich im Mittelpunkt steht, ist wie ein Rahmen ohne Bild, traurig und leer. Ist es nicht genau das, was viele Menschen heute empfinden? Advent als sinnleerer Einkaufsmarathon, gespickt mit Kalorienbomben und Glitzerkitsch: – Und das ist da nicht ganz tief in uns eine Sehnsucht nach mehr?

Was bedeutet Advent?

Das Wort ‚Advent’ bedeutet ‚Ankunft’. Mit dem ersten Adventssonntag (und nicht schon mitten im Oktober) beginnt diese wunderbare Zeit.

Der Advent will helfen, dass wir uns gut vorbereiten auf Jesus.

Keine Zeit im Jahr ist so dunkel wie der Advent. Er ist die Zeit der längsten Nächte und der kürzesten Tage. Deshalb ist der Advent die Zeit der Sehnsucht nach dem Licht.

Zu Weihnachten ist die Sonnenwende, dann werden die Tage wieder länger. Mit dem Weihnachtsfest besiegt das Licht die Finsternis.

Jesus ist das wahre Licht der Welt!

Aus ‚Ein Geschenk des Himmels‘,
von Pater Martin Ramm FSSP und Michael & Dorothea Hageböck
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Mensch und Mystik

Das mystische Moment ist es, was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus.

Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben. Seit jeher steht er mit einem Fuß auf der Erde und mit dem anderen im Feenland. Er hat sich stets die Freiheit genommen, an seinen Göttern zu zweifeln; anders als der heutige Agnostiker aber hat er sich auch stets die Freiheit vorbehalten, an sie zu glauben. Wahrheit war ihm immer wichtiger als logische Konsequenz. Stand er vor zwei Wahrheiten, die sich zu widersprechen schienen, so akzeptierte er beide und nahm den Widerspruch in Kauf. Seine spirituelle Sichtweise ist so stereoskopisch wie seine körperliche: er sieht zwei verschiedene Bilder gleichzeitig, was seiner Scharfsicht aber nur zum Vorteil gereicht.

So hat er immer an so etwas wie Schicksal, aber auch immer an so etwas wie den freien Willen geglaubt. So hat er geglaubt, dass den Kindern das Himmelreich gehört, aber auch, dass sie dennoch den irdischen Mächten zu gehorchen haben. Er hat die Jungen wegen ihrer Jugend bewundert und die Alten, weil sie die Jugend hinter sich hatten. Genau in diesem Ausbalancieren scheinbarer Widersprüche bestand die Spannkraft des gesunden Menschen. Das ganze Mysterium der Mystik besteht darin: dass der Mensch alles kraft dessen verstehen kann, was er nicht versteht. Der kranke Logiker bemüht sich überall um Klarheit und schafft es, alles ins Geheimnis zu hüllen. Der Mystiker findet sich damit, ab, dass es ein einziges Mysterium gibt und schon wird alles andere klar. Der Determinist arbeitet die Theorie der Kausalität bis ins letzte Tüpfelchen aus, nur um festzustellen, dass er nicht einmal mehr zum Dienstmädchen »dürfte ich Sie bitten« sagen kann. Der Christ akzeptiert, dass die Willensfreiheit ein göttliches Geheimnis bleibt; eben deshalb aber ist sein Verhältnis zum Dienstmädchen so klar und durchsichtig wie Kristall. Er pflanzt den Samen des Dogmas ins Herz der Finsternis; aber der Same keimt und entfaltet sich voller Lebenskraft in alle Richtungen.

Wie wir den Kreis zum Sinnbild der Vernunft und des Irreseins erklärt haben, so erscheint uns das Kreuz bestens geeignet, zugleich das Mysterium und die geistige Gesundheit zu symbolisieren. Der Buddhismus ist zentripetal, das Christentum hingegen zentrifugal: es bricht aus. Denn der Kreis ist seiner Natur nach vollkommen und unendlich, sein Umfang allerdings steht ein für allemal fest: er kann weder größer noch kleiner werden. Das Kreuz dagegen mag zwar im Kern einen Konflikt und Widerspruch enthalten; es kann aber seine vier Arme beliebig ausdehnen, ohne jemals die Form zu verändern. Weil in seinem Zentrum ein Paradox steht, kann das Kreuz wachsen, ohne sich zu verändern. Der Kreis kehrt in sich zurück und ist gebunden. Das Kreuz streckt seine Arme in alle vier Himmelsrichtungen; es ist ein Wegweiser für Menschen, die sich frei bewegen wollen.

Wenn man über diese grundlegenden Dinge spricht, sind allein Symbole von – wenn auch begrenztem – Wert. Ein weiteres Sinnbild aus der natürlichen Welt kann den Platz, den das Mysterium im Blick auf die Menschheit einnimmt, hinlänglich verdeutlichen. Das einzige gottgeschaffene Ding, das wir nicht anschauen können, ist eben dasjenige, in dessen Licht wir alles andere sehen. Wie die Mittagssonne erklärt das Mysterium alles Übrige – dank der Strahlkraft seiner eigenen triumphalen Unsichtbarkeit. Die abgehobene Intellektualität ist nichts als bleichsüchtiger Mondschein, denn sie ist Licht ohne Wärme, Abglanz, den eine tote Welt widerstrahlt. Die Griechen hatten Recht, als sie Apollon zum Gott sowohl der Einbildungskraft als auch der Gesundheit erklärten; er war der Schirmherr der Musen und der Heilkunst.

Über unverzichtbare Glaubenssätze und einen ganz bestimmten Glauben werde ich an späterer Stelle reden. Jene Transzendenz aber, die allen Menschen die Kraft zum Leben schenkt, nimmt im Wesentlichen die Stellung der Sonne am Himmel ein. Wir sind uns ihrer als einer Art von blendender Wirrnis bewusst; sie ist etwas ebenso Strahlendes wie Gestaltloses, ist ebenso sehr Gleißen wie blinder Fleck. Die runde Scheibe des Mondes dagegen ist so klar und eindeutig, so wiederkehrend und unfehlbar wie der euklidische Kreis auf einer Schultafel. Luna ist absolut vernünftig und die Mutter der lunatics, wie man im Englischen die Verrückten nennt

Quelle: G.K. Chesterton: Orthodoxie, Abschnitt II: Der Besessene

Vertrauen auf Jesus Christus

Christen, also Menschen, die am Jesus Christus glauben, wissen selbst, dass es mit ihrem Vertrauen auf den Herrn gar nicht so weit her ist, wie es sein könnte oder sein sollte. Dazu eine kleine Geschichte:

Ein Wanderzirkus gastierte einmal in einer kleinen Stadt. Einen Tag vor der Aufführung spannten die Zirkusleute ein Seil vom Kirchturm zum Rathausturm quer über den Marktplatz.
Der Hochseilartist des Zirkus machte darauf seine Übungen. Er balancierte von der Kirche zum Rathaus und zurück hoch über dem Platz, erst mit, dann ohne Stange. Später jonglierte er sogar mit drei Keulen auf dem Seil hoch über der staunenden Menschenmenge.
Zu guter Letzt holte er sogar eine Schubkarre und fuhr damit auf dem Seil hin und zurück. Die Leute waren außer sich und jubelten ihm zu und klatschten.
Nach seinem Training kam er zu ihnen herunter und sagte: „Glaubt ihr, dass ich auch mit einer Person in der Karre ebenfalls sicher auf dem Seil fahre?“.
„Ja“, riefen da die Leute, „das kannst du sicher auch!“
„Gut“, sagte er und ging auf einen jungen Mann zu, „dann kommen Sie doch mit mir auf das Seil – die Leute wollen bestimmt auch dieses Kunststück sehen.“
„Oh nein!“, antwortete der junge Mann, „ich will nicht da hoch!“. Die anderen Anwesenden hatten auch die Hosen voll und wichen ängstlich zurück.
Da trat plötzlich ein kleiner Junge hervor und rief: „Aber ich traue mich!“ Er stieg mit dem Akrobat auf den Kirchturm und ließ sich im Schubkarren über die Köpfe der Leute hinweg hin und her fahren. Die Zuschauer, die bereits wieder ihre gute Laune hatten applaudierten begeistert.
Als der kleine Junge wieder zu ihnen auf den Marktplatz kam, klatschte die Menge mehr dem Jungen als dem Zirkus-Mann zu und jemand sagte zu dem Kleinen: „Mensch, bist Du mutig, das hätte ich mich nie getraut.
„Wieso“, entgegnete da der kleine Junge und schaute auf den Artisten, „das ist doch mein Papa!“

Adventsexerzitien in St. Pelagiberg 30.11.2011

Adventsexerzitien in St. Pelagiberg vom 30. November – 3. Dezember 2011
Der Advent ist eine ganz spezielle Zeit zu Beginn des Kirchenjahres, die im
vorweihnachtlichen Trubel nur allzu gerne untergeht. Welch ein Glück, ihn
im Schweigen beginnen zu dürfen! Wir wollen uns anstecken lassen von der
großen adventlichen Sehnsucht nach dem Erlöser. [210,- CHF im Einzelzimmer]

 

Auskünfte und Anmeldung:
[Anmeldungen bitte mit vollständiger Adresse und Geburtsdatum]
P. Martin Ramm FSSP
Ludretikonerstrasse 3
CH-8800 Thalwil
0041-44-772 39 33
p.ramm@fssp.ch

Der rechte Schächer

Gestern habe ich mich bei der Betrachtung der Matthäus- Passion (Mt. 26) gefragt, warum die beiden Outlaws, die mit Jesus gekreuzt wurden nichts besseres zu tun hatten, als über ihren „Mit- Leidenden“ zu lästern!

Qualvoll am Kreuz zu scheitern ist wohl dem Menschen nicht peinlich genug.  Wenn jemand in der Nähe ist, dem es noch schlechter geht oder augenscheinlich noch tiefer gefallen ist als man selbst, gönnt man sich die „Genugtuung“ sich über denjenigen auch noch lächerlich zu machen.

Dabei fallen mir auch die immer wiederkehrenden titelseitigen und großflächigen Artikel in den Massenmedien ein, die frivol über einen Fall eines Mannes der Kirche berichten. Über das Schlechte in der Welt berichten aus der Fingerzeig- Perspektive heraus.  Sicher ist es deren Brot (bad news are good news), aber die Art und Weise der Darstellung zielt nicht nur auf die Ächtung der Person, die schlecht handelte, sondern ganz gezielt auf die Diffamierung der ganzen Institution deren Mitarbeiter er nur ist.

Wie gut, dass Jesus mit uns Mitleid hat, wie schwer wir uns auch verfehlen. Auf Reue folgt Vergebung. Die katholische Kirche hat dazu das passende Instrument: Die Beichte – persönlich, diskret und kostenlos. Nach Lukas sind uns die Worte Jesu am Kreuz an den reumütigen Schächer überliefert:  „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23,43)